Kinderarmut in Deutschland: keine Besserung

Kinderarmut gibt es auch in Deutschland. Wissenschaftler der Hans-Böckler-Stiftung machen in ihrer neuesten Studie deutlich, welche Mängellagen für Kinder aus einkommensschwachen, armutsgefährdeten Familien bestehen.

In Deutschland gibt es keine armen Kinder? Wie Kinderarmut hierzulande tatsächlich aussieht, haben die Wissenschaftler Eric Seils und Helge Baumann vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung untersucht.

Ihre neue Studie haben sie vor kurzem unter dem Titel „Wie ‚relativ‘ ist Kinderarmut?“ veröffentlicht. Die Studie liefert differenzierte Daten zur Kinderarmut in den 39 deutschen Regierungsbezirken und offenbart, mit welchen materiellen Entbehrungen die relative Einkommensarmut für Kinder verbunden ist.

Kinderarmut in Deutschland nach Regierungsbezirken, Stand 2012(© WSI; Mikrozensus 2012, IT.NRW Bundesagentur für Arbeit 2013)

Kinderarmut in Deutschland nach Regierungsbezirken, Stand 2012
(© WSI; Mikrozensus 2012, IT.NRW Bundesagentur für Arbeit 2013)

Will man die Armut messen, bedient man sich dem Konzept der relativen Einkommensarmut. Danach gelten Menschen als armutsgefährdet, wenn sie weniger als 60 Prozent des mittleren bedarfsgewichteten Einkommens zur Verfügung haben. Dieses Konzept wird von einigen Wissenschaflern kritisiert, da es lediglich Niedrigeinkommen und nicht den mit der Vorstellung von Armut verknüpften Mangel selbst misst.

Daher haben Seils und Baumann in ihrer Studie auf regionaler Ebene untersucht, inwiefern die relative Einkommensarmut von Kindern in Deutschland zu schlechten Lebensbedingungen führt.

Fakten zur regionalen Entwicklung der Kinderarmut in Deutschland:

  • Die Armutsgefährdungsquoten in den Regionen des Ostens sind noch immer höher als im Westen.
  • Das höchste Armutsrisiko bei Kindern besteht derzeit in Bremen mit 33,7 Prozent und in Mecklenburg-
    Vorpommern mit 33,5 Prozent. Am niedrigsten ist die Kinderarmut in der Oberpfalz mit 9,9 Prozent.
  • In absoluten Zahlen leben die meisten einkommensarmen Kinder in den Regionen Düsseldorf (186.000), Köln (145.000), Arnsberg (143.000) und Berlin (136.000).
  • Positiv hingegen ist die Entwicklung der Kinderarmut in Thüringen, hier ist das Armutsrisiko seit 2005 kontinuierlich von 29,2 auf 21,0 Prozent zurückgegangen. Auch die Regionen Sachsen-Anhalt (-4,6 Prozent) und Dresden (-4 Prozent) konnten einen Rückgang verzeichnen.
  • Den höchsten Anstieg verzeichnet jedoch der Regierungsbezirk Münster, hier ist das Armutsrisiko für Kinder von 18,0 Prozent (2005) auf 22,4 Prozent (2012) gestiegen.

Einkommensschwach bedeutet also in vielen Fällen auch arm, betonen die Studienautoren Seils und Baumann. So gibt es für ca. 70 Prozent aller armutsgefährdeten Kinder keine Urlaubsreisen. In Westdeutschland lebt zudem jedes elfte arme Kind und in den östlichen Regionen jedes siebte arme Kind in einer Wohnung mit feuchten Wänden. An Winterkleidung fehlt es knapp zehn Prozent der Kinder im Westen und zwölf Prozent der armutsgefährdeten Kinder im Osten.

Darüber hinaus sei nicht nur die Armutsquote der Kinder in den östlichen Regionen höher als im Westen, sondern auch der Lebensstandard selbst sei geringer, der sich wiederum aus einer schlechteren Versorgungslage der Haushalte ergibt.

„Leistet sich der Haushalt eine Sache, dann reicht es an anderer Stelle nicht,“ sagt WSI-Forscher Seils. Häufig sind Kinder von Alleinerziehenden und Migranten oder aus größeren Familien von Kinderarmut betroffen.

Obwohl die deutsche Familienpolitik mehr als 200 Milliarden Euro zur Verfügung stellt, hat sich die Kinderarmut in Deutschland in den letzten Jahren nicht verbessert. Der Grund: Die Gelder werden oftmals nicht optimal eingesetzt, wie das Kindergeld, das Wohlhabende oder Geringverdiener in gleicher Höhe erhalten. Experten sehen hier aber auch die Wirschaft in der Pflicht, wie bspw. höhere Lohnzahlungen im unteren Lohnsegment.