Kinder und Jugendliche in Deutschland fühlen sich von der Politik im Stich gelassen

Desinteresse an den persönlichen Anliegen von Seiten der Politik, Informationsdefizite und wenig politisches Engagement. Die am vergangenen Donnerstag veröffentlichte Studie des Deutschen Kinderhilfswerks zeigt, wie es in Deutschland heute um die Wähler von morgen bestellt ist.

Zwei Drittel der Kinder und Jugendlichen zwischen 10 und 17 Jahren haben den Eindruck, dass sich die Bundesregierung zu wenig dafür interessiert, was junge Menschen denken. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage des Deutschen Kinderhilfswerks unter 830 Kinder und Jugendlichen in Deutschland.

Besonders die Kommunalpolitik kommt bei den Befragten schlecht weg. Nur 15 Prozent finden, dass sich Lokalpolitiker für junge Menschen und ihre Anliegen interessieren. Der Wunsch nach Mitbestimmung besteht bei den Kindern und Jugendlichen am häufigsten bei den Themen Freizeitgestaltung (66 Prozent), Schule (59 Prozent) und in Fragen des Umweltschutzes (56 Prozent). Lediglich 11 Prozent der Befragten geben an, dass es ausreichend Möglichkeiten für sie gibt, sich am Wohnort politisch zu engagieren und Einfluss auf Entscheidungen zu nehmen.

Kinder und Jugendliche fühlen sich von Politik im Stich gelassen

Kinder und Jugendliche fühlen sich von Politik im Stich gelassen (© Thinkstock)

44 Prozent der Kinder und Jugendliche wissen gar nicht, ob sie auf Entscheidungen der Lokalpolitik Einfluss nehmen oder wie sie sich politisch engagieren können. Um sich darüber zu informieren, würden sich mehr als die Hälfte (58 Prozent) an Schule oder Lehrer wenden. 37 Prozent würden Eltern, 24 Prozent ihre Freunde um Rat fragen. Im Internet informieren sich nur 14 Prozent, dicht gefolgt von der Tageszeitung (12 Prozent).

Neben den Informationsdefiziten zeigt sich auch ein großes politisches Desinteresse. Nur 7 Prozent arbeiten in politischen Gremien mit, in die auch Jugendliche gewählt werden können. 9 Prozent engagieren sich in einer Partei. An internetgestützten Verfahren der politischen Mitbestimmung würden sich aber immerhin 21 Prozent der Befragten gerne beteiligen. Trotzdem gibt die Hälfte der Kinder und Jugendlichen an, sich gar nicht politisch engagieren zu wollen.

„Die Politik muss auf allen Ebenen alles daran setzen, das fehlende Vertrauen der Kinder und Jugendlichen herzustellen. Dieser Aufgabe müssen sich Parteien, Parlamente, Regierungen und Verwaltungen gleichermaßen stellen“, betont Thomas Krüger, Präsident des Deutschen Kinderhilfswerkes. Gleichzeitig müssten die Beteiligungsmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen in Deutschland dringend ausgebaut und strukturell verankert werden. Das Recht auf Beteiligung ist in Artikel 12 der UN-Kinderrechtskonvention verbindlich festgeschrieben. Es solle zukünftig sichergestellt werden, dass Kinder und Jugendliche bei Entscheidungen, die ihre Interessen berühren, mitreden können. Besonders wichtig sei das Mitbestimmungsrecht in der Schule.

Hier ergab die Umfrage, dass 75 Prozent der Kinder nach eigenen Angaben nur bei sehr wenigen Dingen oder gar nicht mitbestimmen können. Häufig ist die Mitbestimmung auf Klassen- und Schülersprecherwahlen, die Gestaltung des Klassenzimmers oder Schulausflüge beschränkt. Nur 8 Prozent dürfen bei der Themenwahl für die Projektwoche mitreden und nur 2 Prozent können mitbestimmen, welche Bücher in der Schule gelesen werden oder wie die Schulordnung gestaltet ist.