Impfpflicht ist kein Tabu mehr

In Deutschland entscheiden Eltern, ob sie ihr Kind impfen lassen oder nicht. Doch nach der Masern-Welle und einem ersten Todesfall wird von vielen Seiten der Ruf nach einer Impfpflicht lauter. Könnte die wirklich kommen?

In Berlin hält die Masern-Welle an. Allein in diesem Jahr wurden schon 447 Fälle gemeldet. Ein Kleinkind ist erst vor knapp zwei Wochen an der Krankheit gestorben. Bislang können Eltern selbst entscheiden, ob sie ihr Kind impfen lassen. Den Tod des Kleinkindes nahm der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, zum Anlass, die allgemeine Impfpflicht zu fordern: „Spätestens der tragische Todesfall in Berlin sollte Anlass sein, jetzt zu einer Impfpflicht gegen Masern zu kommen.“ sagte er den „Ruhr Nachrichten“.

Laut Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe könne eine generelle „Impfpflicht kein Tabu sein“. Noch stehe diese Maßnahme nicht auf der Tagesordnung. Doch Ärzte, Kitas und Schulen sollten gemeinsam versuchen, die Impflücke zu schließen. Gleichzeitig wendet sich Gröhe gegen „die irrationale Angstmacherei mancher Impfgegner“. Denn nicht nur das eigene Kind werde durch einen fehlenden Schutz gefährdet, auch andere Kinder setze man unnötigen Gefahren aus.

Öffentliche Diskussion um Impfpflicht: Impfen kein Tabu (©  Thinkstock)

Öffentliche Diskussion um Impfpflicht (© Thinkstock)

Auch Kristina Schröder, ehemalige Familienministerin der CDU,  unterstützt die Ansicht Gröhes. Auf Twitter schreibt sie in klaren Worten, dass Menschen, die ihre Kinder nicht impfen, damit auch das Leben von Säuglingen gefährden, die noch zu jung für die Impfung sind.

CDU-Gesundheitspolitiker Jens Spahn wird in seinen Forderungen noch konkreter. Gegenüber der „Welt am Sonntag“ erklärte er: „Wenn wir es nicht schaffen, mit verstärkter Aufklärung und Beratung die Impfraten bald zu steigern, sollten wir über eine Impfpflicht in Kindergärten und Schulen nachdenken.“

Doch nicht alle Politiker sprechen sich für eine Impfpflicht aus. Katja Dörner, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen möchte eine bessere Aufklärung für Eltern, nur so könne man Impfskeptiker überzeugen, erklärte sie im Bundestag. Zur Impfung solle niemand gezwungen werden. Ähnlich sieht das auch Harald Weinberg, Gesundheitsexperte der Linksfraktion. Er  sprach sich  in der „Saarbrücker Zeitung“ dafür aus, dass das Selbstbestimmungsrecht der Eltern müsse weiter gelte müsse.

Wolfram Hartmann, Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte glaubt nicht, dass sich eine allgemeine Impfpflicht durchsetzen lässt. Ein Kompromiss wäre für ihn, so Hartmann gegenüber der „Welt“, wenn „Kinder beim Start in eine überwiegend staatlich finanzierte Kita oder Schule einen Impfnachweis vorweisen müssen.“ Sollten sie nicht über einen entsprechenden Nachweis verfügen, müssten diese Familien auf private Einrichtungen ausweichen.

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