„Warnung“ vor Stillen verunsichert Mütter – warum Fläschenmilch kein Leben rettet

Eine Mutter warnt vor dem Stillen. Und viele Eltern sorgen sich – eine Expertin gibt Entwarnung und erklärt, warum so ein Fall in Deutschland nicht passieren kann …

Die Geschichte von Baby Landon Johnson aus den USA  erschüttert. Der kleine Junge verhungerte, obwohl er vollgestillt wurde, berichtet seine Mutter. Fünf Jahre nach dem tragischen Verlust ihres Kindes wendet sich Jillian Johnson an die Öffentlichkeit und warnt andere Eltern. Ein Fläschen zur rechten Zeit hätte sein Leben gerettet – deswegen bittet sie weltweit, Eltern mögen sicherheitshalber zu füttern.

Viele Mütter und Väter sind nun in Sorge. Könnte ihrem Kind das auch passieren? Wird ihr Kind vielleicht auch nicht satt? Nora Imlau ist dreifache Mutter und Stillberaterin. Die Autorin vieler bekannte Ratgeberbücher findet den Erfahrungsbericht, der aktuell in viele sozialen Medien zu lesen ist, in mehrer Hinsicht problematisch. „Der Artikel verbreitet sich wie Lauffeuer und verunsichert junge Eltern, indem er oft sowieso vorhandene Ängste und Zweifel schürt,“ erklärt Nora Imlau.

Verantwortlich für den Tod ihres Kindes macht die Mutter den sozialen Druck, ihr Kind stillen zu müssen. Sie ist überzeugt, dass Flaschenmilch das Leben ihres Sohnes gerettet hätte. Ein Fläschen Babymilch hätte sein Leben gerettet, schreibt die junge Frau, und ruft Eltern weltweit deshalb dazu auf, nach dem Stillen stets sicherheitshalber noch eine Flasche zu geben, damit ihr Baby nicht das gleiche schreckliche Schicksal ereile.

Dieser Erfahrungsbericht ist in mehrerer Hinsicht problematisch. Zum einen stammt er von keiner Still-Expertin, sondern von einer trauernden Mutter, die aufgrund ihrer persönlichen Betroffenheit keinen Blick für Fakten hat, sondern ihre persönliche verzweifelte Erkenntnis ‚Flaschenmilch hätte meinem Baby das Leben gerettet!‘ als Warnhinweis für alle verbreitet. Zum anderen wird in dem Text der angebliche soziale Druck, voll und nach Bedarf zu stillen, für den Tod eines Babys verantwortlich gemacht. Und nicht diejenigen, deren Versagen tatsächlich dazu geführt hat, dass dieses Kind gestorben ist.

Muttermilch ist für Säuglinge die beste Nahrung ©Thinkstock

Aus gutem Grund empfehlen die Nationale Stillkommission und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) das Stillen, betont Nora Imlau.  „In den ersten Lebensmonaten ohne medizinische Indikation zusätzlich zum Stillen Milch aus der Flasche zu geben hat für Babys nicht nur keinen Mehrwert, es erhöht auch das Risiko für Stillprobleme und Gedeihstörungen.“

Stillen nach Bedarf ist sicher und empfehlenswert  – aber keine Garantie, dass ein Baby gut gedeihe. Gerade deswegen ist wichtig, die Gewichtsentwicklung, das Ausscheideverhalten und den Gesamtzustand im Auge zu behalten. „Hat ein Neugeborenes 10 Tage nach der Geburt wieder sein Geburtsgewicht erreicht, produziert es mindestens fünf schwere Pipi-Windeln in 24 Stunden und wirkt es insgesamt rosig und gesund, ist alles in Butter und das gelegentliche Wiegen durch Hebamme und Kinderärztin reicht für die Überprüfung der weiteren Gewichtsentwicklung“, so Imlau. Doch wenn ein Baby hingegen Anzeichen einer Gedeihstörung, besteht dringender Handlungsbedarf.

Ein schlechtes Gesundheitswesen ist verantwortlich, wenn Eltern und Kinder nicht genug Hilfe bekommen

Genau das sei bei Baby Landon der Fall gewesen. Die Mutter schildert klare Zeichen wie wenig Ausscheidungen, keine Gewichtszunahme und extreme Unruhe. “ Ein Baby in so einem schlechten Allgemeinzustand hätte so niemals aus dem Krankenhaus entlassen werden dürfen, und jede Hebamme, jede Ärztin und jede Krankenschwester hätte erkennen müssen, dass hier unmittelbarer Handlungsbedarf besteht.“ Genau das, sei die tragische Lehre dieses schlimmen Schicksals, betont Nora Imlau. „Das Baby ist nicht aufgrund des Stillens nach Bedarf gestorben, sondern aufgrund eines Gesundheitswesens, in dem es offensichtlich an der Qualität der Wochenbettversorgung und Stillbegleitung empfindlich mangelt.“

Ihr Fazit: jede Frau im Wochenbett  braucht eine angemessene medizinische Begleitung, die auf die gesunde Entwicklung ihres gestillten oder auch nicht gestillten Babys achtet. „Ein solches System haben wir in Deutschland, und das ist der Grund dafür, dass uns eine solche Begebenheit hierzulande noch nicht zu Ohren gekommen ist.“

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