Kind schläft in Klamotten

Gucken die mich im Kindergarten komisch an oder ist das mein schlechtes Gewissen? Meine Tochter (2) trägt noch die Klamotten von gestern, ich habe sie vergangene Nacht nicht in den Schlafanzug gesteckt…Mit Expertenstimmen: Hautarzt Dr. Jung und Psychologin Heyne sagen, was sie davon halten.

Gestern abend war es irgendwie hektisch. Zwischen Arbeit und Sandmännchen musste ich noch in den Supermarkt, Lebensmittel einkaufen. Und dann hatten die Kinder Hunger – ich habe schnell Nudeln gekocht und plötzlich war meine 2-jährige Tochter total hinüber, müde und anstrengend. Sie kriegt dann so Brüllphasen und muss schleunigst ins Bett, das Zeitfenster ist supereng. Ich war stolz, dass ich sie überhaupt noch dazu bringen konnte, den Mund fürs Zähneputzen zu öffnen.

Was aber wirklich nicht mehr drin war, ist das Umziehen von Tagesklamotten in den Schlafanzug gewesen. Ich habe das schon probiert, sie wehrt sich dann mit Händen und Füßen, brüllt wie am Spieß und manchmal regt sie sich dann so auf, dass das Einschlafen nicht mehr gut klappt. Wenn ich den richtigen Zeitpunkt erwische und sie hinlege, so wie gestern notfalls in Klamotten, schläft sie im Prinzip sofort ein.

Heute früh wachte sie also in den Anziehsachen von gestern auf. Und weil die noch sauber waren, habe ich sie einfach angelassen. Obwohl ich eigentlich dachte, dass das vielleicht nicht so gut ist – muss die Haut nicht auch mal atmen? Und sind Schlafanzüge irgendwie “hautsympathischer” als andere Kleidung, oder ist das eine Erfindung der Werbung?

Ganz wohl ist mir dabei nicht, wenn ich das Kind in den Kleidungsstücken vom Vortag in den Kindergarten schicke. Ich gucke dann die adrett frisch eingekleideten anderen Kinder an, die meistens auch ordentlich gekämmte Haare haben, und schäme mich ein wenig. Irgendwie sind meine Kinder immer etwas “schmuddeliger” als die anderen. Oder bilde ich mir das nur ein, weil ich ein schlechtes Gewissen habe?

 

Wie verwerflich ist das Verhalten von Chris? liliput-lounge.de hat zwei Experten gefragt: den Münchener Hautarzt Dr. Claus Jung und die Psychologin und Buchautorin Felicitas Heyne.

 

Christine Finke für liliput-lounge.de: Sehr geehrter Dr. Jung, schadet es, wenn das Kind in seinen Klamotten schläft?

Hautarzt Dr. Claus Jung: Abgesehen von der Hygiene sollte es für ein hautgesundes Kind eigentlich keine Rolle spielen, in welchen Klamotten es schläft, frei nach dem Motto “Gelobt sei, was hart macht”. Einige neuere Studien belegen sogar, dass “Stadtkinder”, die zwar in einer hygienisch einwandfreieren Umgebung aufwachsen, aber Umweltgiften wie Zigarettenrauch, Dieselabgasen, Schwefeldioxiden u.a. stärker ausgesetzt sind, häufiger Allergien entwickeln als “Naturkinder”, deren Immunsystem schon früh mit natürlichen Allergenen, wie Hausstaubmilben und Schimmelpilzen in Kontakt kommt und sich deshalb keine anderen Ziele zu suchen braucht. Das ist die sogenannte “Urwaldhypothese”.

liliput-lounge.de: Spielt es eine Rolle, ob es in Baumwolle oder Synthetikkleidung schläft? (Manche Schlafanzüge sind ja auch aus Synthetik?)

Dr. Claus Jung: Teils, teils. Gehört das Kind zu den etwa 20 Prozent Atopikern, also Kindern, die eine ungewöhnliche Bereitschaft aufweisen, auf Umwelteinflüsse allergisch zu reagieren, sollte es besser in Baumwoll- als in synthetischer Kleidung schlafen, da seine überempfindliche Haut durch die relativ scharfen synthetischen Fasern gereizt werden könnte.

liliput-lounge.de: Welche negativen Folgen kann es haben, wenn das Kind zu oft in seinen Klamotten schläft? Oder geht es da eher um ein Ritual, das eingehalten werden sollte?

Dr. Claus Jung: Da tagsüber Umweltgifte, wie z.B. Schwefeldioxidpartikel oder Allergene, wie z.B. Pollen oder Tierhaare, auf der Kleidung des Kindes haften bleiben, stellt der abendliche Kleidungswechsel mit Sicherheit nicht nur ein Ritual dar, das das Kind schneller einschlafen lässt, sondern es wird gleichzeitig das Kontaktrisiko des Kindes mit diesen Umweltgiften und Allergenen reduziert.

 

Dr. Claus JungClaus Jung ist ist Facharzt für Allergologie und Dermatologie mit eigener Praxis in Germering bei München. Er ist Mitglied in vielen medizinischen Fachvereinigungen der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft und dem Berufsverband der Dermatologen. Mehr Infos auch unter http://www.hautarzt-jung.de

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liliput-lounge.de: Sehr geehrte Frau Heyne, wie beurteilen Sie das fehlende Umziehen?

Psychologin Felicitas Heyne: Spontan würde ich sagen, dass das überhaupt nicht schlimm ist, solange es sich um Ausnahmen – oder eben “Ausrutscher” – handelt. Mir fallen beim Nachdenken durchaus einige Situationen ein, in denen ich es im Gegenteil durchaus für sinnvoll halten würde, so vorzugehen; beispielsweise wenn man mit dem Kind unterwegs war, es auf der Heimfahrt im Auto eingeschlafen ist und man es mit dem Ausziehen wieder aus dem Schlaf reißen würde.

Da ist es doch viel sinnvoller, es angezogen ins Bett zu legen und weiterschlafen zu lassen, statt hinterher stundenlange Kämpfe auszuführen, bis es wieder in den Schlaf findet. Man könnte natürlich darüber streiten, ob man das Kind dann am nächsten Morgen vor dem Kindergarten noch umziehen sollte, aber wenn es sich nicht gerade im Schlaf die Windel runtergerissen und von oben bis unten eingepinkelt hat … Babys / Kleinkinder haben ja einen ganz anderen Körpergeruch als Erwachsene; da flüchtet man ja nicht gleich ins nächste Zimmer, wenn die mal zwei Tage lang dasselbe anhaben …

liliput-lounge.de:Zerstören solche „Ausrutscher“ ein Ritual?

Problematisch fände ich es nur dann, wenn dieses Vorgehen zur Regel würde. Zum einen deshalb, weil auf diese Weise eben das eigentlich wichtige Zu-Bett-Geh-Ritual dauerhaft zerstört werden würde (und dazu gehören eben bestimmte, immer wiederkehrende Handlungen wie Ausziehen, Zähneputzen, Schlaflied oder Geschichte etc.).

Zum anderen auch deshalb, weil ich mir dann überlegen würde, inwieweit das Ganze vielleicht mit einer Überforderungssituation der Mutter zusammenhängt – also eher ihrem Wunsch nach einem Sich-Leichter-Machen entspricht als dem Wohl des Kindes dient. Da müsste man dann schon mal genauer hinschauen, ob an der Gesamtsituation für beide was geändert werden muss, sonst übersieht man unter Umständen ein wichtiges Warnsignal.

 

Felicitas Heyne ist Dipl. Psychologin, Mitglied des Bundesverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP)  und Autorin. Zudem ist sie auch systemische Einzel-, Paar-, und Familientherapeutin.
Mehr Info auch unter:
http://www.heyne.com

*Namen auf Wunsch geändert

Foto:  © Tor Lindqvist für istockphoto.com

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  • E.

    ich lass meine tochter immer in den klamotten schlafen die sie anhatte. ausser sie geht davor baden.