Wie ein Mädchen – was bedeutet das denn?

„Like a Girl“ – eine virale Werbekampagne rüttelt auf: Ist Mädchensein schlimm? Lesen Sie im Experten-Interview: Was sollten Eltern bei der Rollenerziehung beachten? Und wie können Eltern ihre Kinder stärken?

Vor zwanzig Jahren sang Lucilectric selbstbewusst ein Lied über Mädchen, dass aus allen Radios dudelte: „Keine Widerrede mann, weil ich ja sowieso gewinn, weil ich ’n Mädchen bin.“ Ein Ohrwurm. Ein Mädchen zu sein, das war etwas tolles. Doch irgendwie scheint es seit ein paar Jahren eine ganz andere Tendenz zu geben.Während einst Mädchen in der Lego-Werbung kess Latzhosen trugen, dominieren heute rosa Feen und Prinzessinnen die Spielzeugregale. Die Kritik an der rosafarbenen Mädchenwelt ist nicht neu, wir berichteten über die Aktion „Pink stinks“.

Links: Lego Werbung: Anzeige aus den 70er Jahren (© Lego) / rechts: Spielzeugregal 2008 (© Getty Images News)

links: Lego Werbung aus den 70er Jahren (© Lego) / rechts: typisches Spielzeugregal heute (© Getty Images News)

Seit einigen Tagen ist aber nun im Internet ein Spot zu sehen, der nachdenklich macht. „Do it like a girl“ – dazu werden in dem kurzen Film Mädchen, Jungen und ein junger Mann aufgefordert. „Wie ein Mädchen“ sollen sie laufen und werfen. Die Dokumentarfilmerin Lauren Greenfield zeigt, was dann passiert: es wird albern herumgehampelt, die Arme affektiert ausgestreckt. Jedenfalls bei den Älteren.  Nur die jüngsten Mädchen laufen schnell und werfen weit.

Selbstbewusst wie ein Mädchen © Always/youtube

Selbstbewusst wie ein Mädchen © Always/youtube

„Was bedeutet das für dich, es so wie ein Mädchen zu laufen?“ „So schnell man nur kann ,“ antwortet ein  kleine Mädchen energisch.“Klingt  wie ein Mädchen für dich gut oder schlecht?“ Die Antwort eines älteren Kindes: „Ich bin nicht sicher, aber ich glaube damit wird jemand gedemütigt.“ Der Film wurde als Werbespot für den Bindenhersteller „Always“ gedreht. Seine Botschaft: Mädchen sollten gestärkt werden. Kleine Mädchen sind noch selbstbewusst – das sollten sie bewahren.

Doch kann ein Clip das bewirken? Kann es hilfreich sein, dass Lego nun auch ein paar Wissenschaftlerinnen anbietet? Vielleicht wird dieser Spot auch deswegen so viel diskutiert, weil das Wort „Mädchen“ auch im Deutschen manchmal abfällig benutzt wird. „Der heult wie ein Mädchen“, wird über einen Jungen gesagt. „Mädchenmannschaft“- wird eine Gruppe schlecht spielender Fußballer genannt. Natürlich gibt es starke Mädchenfiguren. Pipi Langstrumpf. Und… ja? Wen noch? Conni?

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Welche Bilder prägen unsere Kinder, was vermitteln wir ihnen? Sicher sollten sich Eltern darüber durchaus Gedanken machen. Denn die eigene Geschlechtsrolle ist für Kinder sehr wichtig, das betont auch die Genderforscherin Prof. Melanie Groß. Sie ist lehrt und forscht an der FH in Kiel und Mitbegründerin des Feministischen Instituts Hamburg im Interview mit der liliput-lounge.

Prof. Dr. Melanie Groß © FH Kiel

Prof. Dr. Melanie Groß © FH Kiel

„Mädchen-Sein wird nicht nur abgewertet“ – Interview mit Prof. Melanie Groß

liliput-lounge: Wie wichtig ist die eigene Geschlechtsrolle für Kinder?

Melanie Groß: Die Aneignung einer Geschlechtsrolle ist eine zentrale Aufgabe für Kinder. In unserer Gesellschaft wird erwartet, dass Kinder eine entweder weibliche oder männliche heterosexuelle Geschlechtsidentität annehmen und diese ein Leben lang beibehalten. Wenn Kinder sich den gängigen Geschlechterrollen oder Sexualitätsnormen entziehen oder sogar die Grenzen der Zweigeschlechtlichkeit überschreiten, werden sie dafür von ihrem Umfeld, also Familie, Freundinnen und Freunde, Nachbarn oder sogar Verkäuferinnen im Supermarkt oder beim Bäcker, korrigiert und diszipliniert. Solche Disziplinierungen können eine belustigte Bemerkung sein, mitunter sind sie aber auch durchaus mit körperlicher oder psychischer Gewalt verbunden – beispielsweise auf dem Pausenhof, in Familien oder in der Kita.

Was prägt das Bild vom eigenen Geschlecht?

Es sind vielfältige Eindrücke, die Kinder verarbeiten. Die Geschlechtsaneignung ist ein überaus komplexer Vorgang – Vorbilder, Freundinnen und Freunde, Geschwister, Erzieherinnen, Werbebilder, Fernsehbilder, Kinderbücher – alle diese Einflüsse stellen immer auch Geschlechteranforderungen und -inszenierungen zur Verfügung. Kinder vergewissern sich, fragen, wollen wissen, wer sie sind und ob sie gleich oder anders als Andere sind. Die Zuordnung von Verhaltensweisen zur Kategorie Geschlecht erfolgt fast automatisch entlang des dualen Systems der Zweigeschlechtlichkeit. Immer wieder bekommen Kinder zu hören, dass sie ein bestimmtes Geschlecht haben. Eltern und andere Menschen im Umfeld beschwören es geradezu: „Was für ein hübsches Mädchen Du bist“, „Ein echter Junge!“

„Wie ein Mädchen“ – wieso ist das negativ besetzt? Haben Sie das auch schon gehört?

Mädchen-Sein wird in unserer Kultur nicht immer und nicht grundsätzlich abgewertet. Im Gegenteil – oft genug werden Mädchen gelobt. Zum Beispiel dafür, dass sie in der Schule fleißig sind, dass sie ordentlich sind, dass sie folgsamer oder oft vorsichtiger und vorausschauender sind. Genau diese – übrigens durch und durch sozial erlernten – Eigenschaften sind allerdings gesellschaftlich nur bedingt verwertbar. Wenn sie hoch hinaus wollen, brauchen Mädchen Ellenbogen und Durchsetzungsfähigkeit, manchmal auch etwas Streitlust. Genau solche Eigenschaften sind in unserer Gesellschaft jedoch eher mit Männlichkeit verbunden und es schwingt mit, dass wir alle wissen, dass diese Eigenschaften letztlich in einer konkurrenten Gesellschaft sehr geschätzt werden. Insofern ist der Ausspruch „Wie ein Mädchen“ durchzogen von einer gewissen Häme: „Du machst das ja ganz ordentlich, aber bringen wird es Dir letztlich wenig – das weißt Du nur noch nicht!“

Wenn die eigene Rolle nun so abgewertet wird – was bewirkt das bei Heranwachsenden?

So eindeutig ist das ja letztlich nicht. Mädchen erfahren auch immer wieder, dass Jungs-Sein auch kein Zuckerschlecken sein muss und oft haben sie auch weniger Widerstände zu erwarten als Jungen. Allerdings wissen sie auch, dass ihre gesellschaftliche Position weniger Wert sein wird und damit müssen sie irgendwann einen Umgang finden.

Wie können Eltern ihre Kinder stärken, was sollten Eltern bei der Rollenerziehung besonders beachten?

Eltern müssen heute auf so vieles achten, um ihren Kindern gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. Die Anforderungen, die Verunsicherung und der Druck sind immens. Das wichtigste, was sie ihren Kindern vermitteln können ist meines Erachtens Selbstvertrauen und Sicherheit. Eine Kraft und Stärke, die es den Kindern ermöglicht auch abweichende Positionen einnehmen zu können. Das bezieht sich auch auf die Kategorien Geschlecht und Sexualität. Ein Verzicht auf Rollenzuschreibungen a la: „Lass das mal besser, das kannst Du nicht, weil Du ein Mädchen bist“ oder „Trau Dich, schließlich bist Du ein Junge!“ wäre zudem hilfreich. Unsäglich finde ich immer wieder auch diese heterosexuellen Normen, die ebenfalls bereits das Verhalten der Allerkleinsten labeln und damit auch regulieren: Da werden zwei- und dreijährige Jungs als Kavaliere bezeichnet oder als Schürzenjäger, sobald sie sich in der Nähe von Mädchen aufhalten. Das sind Erwachsenen-Deutungsmuster, die den Kindern dabei übergestülpt werden und die Rollen einengen und vorgeben.

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