Alarmierend: Essen in Kindergärten oft mangelhaft

Mehr als 1, 8 Millionen Kinder essen in Kindertagesstätten. Eine umfangreiche Studie zeigt: die Verpflegung ist der Mehrzahl der Einrichtungen mangelhaft. Warum ist das so? Was können Eltern tun?

Die Zahl der Kinder, die in der Krippe oder in der Kindertagesstätte essen, steigt. Sicher, auch Zuhause steht nicht immer nur gesundes Essen auf dem Tisch, aber in den Kitas wird den Kleinen doch sicher Gutes angeboten? Leider Wunschdenken, wie die jetzt veröffentlichte Studie „Is(s)t KiTa gut?“ der Bertelmann Stiftung zeigt.

Zum ersten Mal wurden umfassend und repräsentativ Qualität und Kosten des Mittagessens in Kitas untersucht. Das alarmierende Ergebnis: nur in jeder dritten Einrichtung wurden die anerkannten Standards erreicht. Verschickt hatten die Wissenschaftler 5.000 Fragebögen an Kitas in allen Bundesländern. Eine Rückmeldung kam von rund 1.000 Einrichtungen.

Fleisch- und Wurstwaren werde den Kindern zu wenig angeboten, Obst und Gemüse viel zu wenig, sagt die Studie. Nach den wissenschaftlichen Qualitätsstandards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) schneiden fast alle Kitas schlecht ab, denn nur zwölf Prozent der Kitas böten den Kindern genügend Obst, nur 19 Prozent ausreichend häufig Salat oder Rohkost an. Auch Fisch stehe zu selten auf dem Speiseplan.

Das Essen in vielen Kitas ist mangelhaft © Bertelsmann Stiftung/ Screenshot youtubeStiftung/ Screenshot youtube

Das Essen in vielen Kitas ist mangelhaft © Bertelsmann Stiftung/ Screenshot youtube

 

Begründet wird dies damit, dass die Verpflegung bei der Finanzausstattung der Kindergärten zu wenig berücksichtigt werde, es an hauswirtschaftlicher Fachkompetenz und an adäquater Küchenausstattung und Speiseräumen fehle. „Wir brauchen bundesweit verbindliche Qualitätsstandards für die Kita-Verpflegung. Hierzu bedarf es eines Bundes-Kitagesetzes“, betont Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung. „Gute Ernährung ist eine wichtige Voraussetzung für die Entwicklung und Bildung von Kindern. Hier kommt der Kita eine zentrale Rolle zu.“

Es gibt bisher keine bundeseinheitlichen Regelungen zur Finanzierung  der Lebensmittelkosten

Auch die Kosten für das einkommensunabhängige Essensgeld der Eltern für das Mittagessen unterscheiden sich bundesweit erheblich: Es reicht von 75 Cent bis zu sechs Euro pro Mahlzeit. Dass die Kindergarten-Gebühren insgesamt sehr unterschiedlich sind, ist leider lange bekannt – doch seit dem letzten Monitor vor vier Jahren hat sich nichts geändert, es gibt ein Gebühren-Chaos und keine verbindlichen Regelungen. Auch wenn immer mehr Kinder Kindertagesstätten besuchen und die Kinder ab dem vollendeten ersten Lebensjahr einen Betreuungsanspruch haben – in einigen Kommunen ist die Betreuung kostenlos, in manchen Städten bezahlen monatlich über 500 Euro pro Platz.

Auch viele andere Faktoren spielen eine Rolle, so lässt rund die Hälfte der Kitas das Essen warm anliefern, ein Drittel kocht selbst.Die Studie zeigt deutlich, dass die Kosten für ein hochwertiges Mittagessen pro Portion deutlich sinke, wenn es in Großküchen hergestellt werde.

Eine gesunde und ausgewogene Mittagsverpflegung, die den DGE-Standard erfüllt, kostet der Studie zufolge mindestens 4 Euro. Wenn jedes Kind, das in seiner Kita isst, täglich ein gesundes Mittagessen erhalten sollte, kämen allerdings jährlich  Kosten in Höhe von 1,8 Milliarden Euro bundesweit zusammen. Das sind bis zu 750 Millionen Euro mehr als heute. „Bund, Länder, Kommunen, Träger und Eltern müssen sich verbindlich über die Finanzierung einer ausgewogenen Mittagsmahlzeit verständigen, damit jedes Kind in der Kita gesund verpflegt werden kann“, betont Dräger.

Die wichtigsten Informationen zum Essen in der Kita © Bertelmann Stiftung

Die wichtigsten Informationen zum Essen in der Kita © Bertelmann Stiftung

Knapp 80 Prozent der unter Dreijährigen sowie über 60 Prozent der über dreijährigen Kindergartenkinder essen in ihren Betreuungseinrichtungen. Gleichzeitig zeigen bundesweite Querschnittsstudien ein grundsätzlich bedenkliches Essverhalten von Kindern und Jugendlichen und die Folgen schlechter Ernährung. Laut einer Untersuchung des Robert-Kochs-Instituts sind bereits neun Prozent der Drei- bis Sechsjährigen übergewichtig, knapp drei Prozent sogar schwer übergewichtig.

Die schlechte Ernährung im Kindergarten stellt somit ein nicht unerhebliches Gesundheitssrisiko dar. Was können Eltern tun, um das zu ändern? Zum einen sich vor Ort in den Kindergärten erkundigen, wie die Verpflegung aussieht und ob frisch gekocht oder angeliefert wird. Gutes und gesundes Essen kann gemeinsam mit den Erziehern und Erzieherinnen thematisiert werden und natürlich können Eltern auch selbst mit einem positiven Beispiel voran gehen und gemeinsam mit ihren Kindern kochen und am Familientisch zusammen essen.

Wann kommt ein bundeseinheitliches Kita-Gesetz?

Die Studie zeigt aber vor allem eines: Es stimmt noch vieles nicht im Bereich der Kinderbetreuung. Warum haben so viele Kitas gar keine Rückmeldung gegeben? Wie kann es sein, dass nicht nur das Essen, sondern auch die Gebühren und vor allem die Betreuung sich so unterscheidet?  Die Gewerkschaft Verdi fordert einheitliche Standards für die Qualität von Kindertagesstätten, Verdi-Bundesfachgruppenvorsitzende Angelika Spautz erkklärt, dass bei der Debatte um den quantitativen Ausbau die Qualität der Betreuung häufig auf der Strecke bleibe. Erzieher bräuchten bessere Arbeitsbedingungen und Kitas bundeseinheitliche Standards – bei Qualifikation, Ausstattung oder Personalschlüssel.

Es müsse einen einheitlichen Betreuungsschlüssel geben und es sollten immer mindestens zwei Fachkräfte anwesend sein. Wichtig sei auch, dass der Besuch einer Kita für die Eltern bundesweit kostenfrei sein. Die Gewerkschaft hat einen Gesetzentwurf vorbereitet, der den Regierungen in Bund und Ländern vorgelegt werden soll. Nicht nur für die Mitarbeiter, auch für Eltern und vor allem für die Kinder wäre solch ein einheitliches Gesetz eine deutliche Verbesserung. Denn es kann nicht darum gehen, dass bei einem solchen Studienergebnis plötzlich wieder diskutiert wird, dass kleine Kinder doch das Essen bei ihren Eltern lernen sollen und erneut eine Diskussion um die „Fremdbetreuung“ los geht.  Es geht darum, dass Eltern, Experten und Kita-Mitarbeiter an einem Strang ziehen sollten und sich für die besten Bedingungen einsetzten sollten.