Der Efeusamen im Palmentopf

Gute-Nacht Geschichte

Es war einmal ein kleiner, vorwitziger Efeusamen. Der löste sich an einem windigen Tag von seiner Mutterpflanze und machte sich auf den Weg, ein schönes Plätzchen zum Festwachsen und Wohnen zu finden.
Nun wächst Efeu normalerweise am Boden. Entweder so wie Gras ganz flach, oder an einem Baum oder einer Hauswand nach oben. Dieser kleine Efeusamen wollte aber nicht wie alle anderen Efeuranken sein. „Ich suche mir einen besonders schönen Ort aus. Ich möchte Aussicht haben, am besten auf den See!“ sagte er zu sich selbst und ließ sich von einer Windböe durch die Luft tragen.
 
Die anderen Efeusamen, die auch gerade lossprangen und sich auf die Reise machten, kicherten unüberhörbar. „Hört Euch diesen Unsinn an – Seesicht will er haben! So ein Träumer! Das wird doch nie was…“, zogen sie über ihn her.
 
Der kleine Efeusamen aber ließ sich nicht entmutigen. „Ich werde es trotzdem versuchen, auch wenn alle mich auslachen“, nahm er sich vor. Als ihn die Windböe, mit der er gereist war, losließ, guckte er sich um. War dies der richtige Ort für ihn? Er war in einem silbernen, halboffenen Rohr gelandet, dem Himmel ziemlich nah.
 
Das muss eine Dachrinne sein, überlegte der kleine Efeusamen. So etwas kenne ich von den obersten Ranken meiner Mutterpflanze. „Nein, hier kann ich nicht bleiben“. Zum Glück kam bald der nächste Windstoß vorbei, auf den er aufspringen konnte.
 
Dieser Windstoß brachte ihn zu einem sonderbaren Ort, auf den sich der kleine Efeusamen zuerst keinen Reim machen konnte. Es war nämlich ein Blumentopf auf einer Balkonbrüstung. Und in diesem Blumentopf wuchs eine ziemlich große stachelige Palme inmitten von sehr viel guter, brauner Erde.
 
„Kann ich bei dir wohnen?“, fragte der Efeusamen vorsichtig zu der wirklich beeindruckenden Palme hoch. „Ich weiß nicht…“ grummelte die Palme und schüttelte ihre stacheligen Palmwedel im Wind. „Ein Efeu und eine Palme in einem Topf? Das kann doch nicht gut gehen!“. Aber andererseits war der Palme auch langweilig. „Ein bisschen Gesellschaft könnte nicht schaden“, dachte sie sich.
 
„Na gut, mach’ es dir in meinem Topf bequem. Aber nicht so dicht an meinen Wurzeln, ja?“ sprach die Palme. „Eine Frage hätte ich noch“, sagte der Efeusamen und seine Stimme zitterte vor Aufregung. „Wenn ich groß bin, kann ich dann von hier aus den See sehen?“
 
Da lachte die Palme. „Oh ja, das kannst du. Und nun komm endlich richtig rein in meinen Blumentopf – wir machen es uns gemütlich hier oben!“
 
Und so kam es, dass nun auf diesem Balkon die Palme und der kleine Efeu friedlich zusammen in einem Topf wohnen. Der Efeu hat mittlerweile schon 5 grüne Blätter und wenn er das nächste Blatt bekommt, wird er über den Topfrand zum See schauen können. Darauf freut er sich schon sehr – vielleicht ist es morgen schon so weit?
 
Von Redakteurin Christine Finke
  
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