„Brille für die Ohren“ holt Eric aus der Taubheit

Jeden Tag werden in Deutschland ein bis zwei gehörlose Kinder geboren. Eines dieser Kinder ist der zweijährige Eric. Ein Racker, der gern lacht, mit seinem kleinen Bruder spielt und fröhlich erzählt und Gefallen an neuen Worten findet.

Dass Eric hören und darum auch sprechen lernen kann, verdankt er einer modernen Technologie: Der kleine Junge trägt Cochlea Implantate. In seine Ohrmuscheln wurden Elektrodenträger in das Innenohr eingesetzt und ein kleines Mikrofon am Ohr leitet dann die Geräusche über ein Kabel von außen zum Elektrodenträger. So wird der Hörnerv elektrisch stimuliert und das Gehirn erkennt den Schall. Studien haben bewiesen, dass gehörlose Kinder, die vor dem 18. Lebensmonat solch ein Implantat bekommen, als Dreijährige die gleiche Sprachentwicklung zeigen wie normal hörende Kinder.

Eric kann dank Cochlea Implanten hören  (c) privat

Eric kann dank Cochlea Implanten hören (c) Sandra-Annette Czock

Auf dem ersten Blick sieht man Eric seine Behinderung nicht an. Warum auch? Doch wer genau hinguckt, sieht die dezent grauen Geräte an seinem Kopf. „Ehrlich gesagt lassen wir seine Haare ruhig etwas länger. Es ist nicht immer einfach, dass wir so oft darauf angesprochen werden,“ erklärt Erics Mutter Kristina Albrecht  (34). „Nur wenige Leute kennen sich mit solchen Implantaten aus. Ich musste schon oft erklären, dass er da ein ganz normaler kleiner Junge ist, geistig gesund ist und ganz bestimmt nichts ansteckendes hat.“ Taub? Das ein Kind trotzdem hören kann, wissen viele nicht . „Wir sind wirklich glücklich, dass es diese Technik gibt“, erklärt Kristina.

Eric war ein Frühchen

Der kleine Junge kam fast acht Wochen zu früh zur Welt und wog rund 2000 Gramm. „Er war drei Wochen in der Klinik und hat rasch zugenommen. Das sein Gehör nicht so ist, wie es sein sollte, haben wir beim Neugeborenen-Screening erfahren.“ Zweimal wurde der Hörtest wiederholt, der Kinderarzt wollte ganz sicher gehen. Und überwies die kleine Familie in ein Fachzentrum zum großen Hörtest unter Narkose. Die Diagnose: An Taubheit grenzende Schwerhörigkeit.

Die Eltern Kristina und Sven sind geschockt. „Es hätte sein können, dass die Schwerhörigkeit durch die frühe Geburt verursacht wäre. Dann wäre es vielleicht möglich gewesen, dass das Gehör nachreift.“ Die Eltern möchten die genaue Ursache wissen und hadern zunächst damit, als sie sie dann erfahren. „Eric hat einen Connexin 26-Defekt. Der ist genetisch. Die Schwerhörigkeit ist also vererbt.“ Da sich das Paar weitere Kinder wünscht, keine frohe Botschaft. Sie bedeutet auch, dass Eris Gehör nicht besser, sondern eher schlechter werden wird.

Als wir hörten, dass unser Sohn taub ist, war das ein Schock

Kristina ist PR-Referentin und gewohnt zu recherchieren. In den Tagen nach der Diagnose recherchiert sie also zum Thema Taubheit, erkundigt sich nach den Möglichkeiten, die Eric hat. Über die Möglichkeit zu implantieren hatten die Ärzte sie schon früh hingewiesen. „Aber das ist schon eine sehr große Operation. Sie bedeutet, dass das Restgehör ganz zerstört wird und sein Leben lang auf dieses Gerät angewiesen ist.“

Eltern tauber Kinder haben noch nicht lange so eine Wahl. Seit 1984 wird in ersten Kliniken diese besondere OP angeboten, mittlerweile tragen rund 33.000 Menschen in Deutschland Cochlea Implantate (kurz CI). „Wir haben lange überlegt, aber so wird Eric normal sprechen lernen können und auch mehr Möglichkeiten haben, als wenn er ihm nur die Gebärdensprache zur Verfügung steht. Es spricht so vieles für die Operation.“ Den Ausschlag hat auch die Ärztin gegeben, die damals Erics Taubheit diagnostizierte. „Als wir hörten, dass unser Sohn taub ist, kamen so viele Gedanken. So viele Befürchtungen, dass Erics es in der Zukunft schwer haben könnte.“

Die Ärztin hörte sich die Sorgen der Eltern an. Dann strich sie ihre Haare nach hinten – und zeigte auf die eigenen Cochlea-Implantate: „Ich habe die auch. Ich bin Ärztin und ich bin taub.“

Eric war 11 Monate alt, als die große Operation bevorstand. Der Hörtest vorher zeigte, dass der kleine Junge nun keine 100 dB mehr hörte, also wirklich fast taub war. Die Narkose und die OP überstand er gut, obwohl er kurz vorher noch eine Grippe hatte. Ganz behutsam wurde nach vier Wochen das Gerät so angepasst, dass der lebhafte Blondschopf erste Töne hören konnte. „Er dreht sich bei einem Geräusch plötzlich um und lachte. Schnell fing er an zu brabbeln. Auch wenn er in seinem ersten Lebensjahr nichts hören konnte, ist er seiner Sprachentwicklung laut den Expertentests nicht zurück.

„Er erzählt jetzt acht Wort-Sätze. Dass er hören und sprechen gleichzeitig lernt, ist für ihn nicht einfach. Eric kann mittlerweile reichlich gut hören, seine Implante werden regelmäßig kontrolliert und angepasst. Er hört sogar, wenn ich im Keller fluche. Und wenn er nicht hören will, nimmt er die Geräte ab und sagt: ‚Mama kann nicht schimpfen. Kann nich hören.‘ Tja. Zuhören ist manchmal ein Problem. Aber irgendwie gilt das wohl für fast alle Zweijährigen“, sagt seine Mutter und lacht.

Eric trägt eine Brille für die Ohren

eric-lacht Erics Hörhilfen sind zu sehen. Hinter den Ohren und am Kopf. Erics Eltern wollten eher zurückhaltende Farben für die Geräte. Trotzdem gucken Passanten oft und drehen den Kopf peinlich berührt weg. „Warum fragen die nicht einfach?“ wundert sich Erics Mutter. Die Kinder in Erics Spielgruppe haben keine Berührungsängste. „Mit den Dingern hört er, so einfach ist das.“ Schwierig findet es Kristina, wenn sie auf einem Spielplatz ist und mitbekommt, wie eine Mutter zu ihrem Kind sagt: „Geh weg, ich weiß nicht, was dieses Kind am Kopf hat.“ Oder als ein Passant auf den  lachenden Eric starrt, dann auf ihren schon leicht gerundeten schwangeren Bauch  mit den Worten „Sind Sie wahnsinnig, wollen Sie noch so ein behindertes Kind in die Welt setzten?“ anspricht.

„Ja, mein Kind ist taub. Er ist ein total normaler kleiner Junge, der dank seiner Implantate hören kann und mit anderen Kindern spielen kann. Auch wenn er ein schwerbehindertes Kind ist, hat er gar keinen besonderen Förderbedarf und kann auch in einen normalen Kindergarten gehen.“

Auf der Suche nach einem passenden Platz für den nächsten Sommer haben die Eltern schon Sätze wie: „Wir noch gar kein taubes Kind, nur eines mit Wasserkopf“ zu hören bekommen. Die Familie wünscht sich einen ganz normalen Kindergarten für Eric und hofft, dass er die Grundschule in der Nachbarschaft besuchen kann. „Ganz ehrlich, andere Kinder haben eine Brille, eine Sehhilfe. Eric hat eben eine Hörhilfe, eine Brille für die Ohren.“

Eric ist ein Bruder, ein Racker, ein Sohn und trägt Cochlea Implantate (c) privat

Eric ist ein Bruder, ein Racker, ein Sohn und trägt Cochlea Implantate (c) privat

Eric weiß, dass er anders ist als die anderen Kinder. Auch anders als sein kleiner Bruder Philipp, der acht Monate alt ist und den Gen-Defekt nicht hat. „Wenn ihm Kinder beim Spielen seine CI’s klauen, dann weint er. Das ist nicht leicht für ihn.“ Kristina und Sven sind stolz auf ihren Sohn, der vor allem gern und viel lacht. „Ich wünsche mir für Eric, dass er selbstbewusst wird und dass er vor allem als Eric und nicht als behinderter Eric von anderen gesehen wird.“

Mehr Informationen über Cochlea Implante für Kinder beim Verein „Taube Kinder lernen hören“ und bei der „Deutschen Conchlea Implantat  Gesellschaft e.V.“

Zum Thema „Hören und Hörverlust“ ist auch die Seite der „Hear the World Foundation“ sehr zu empfehlen.

  • Martin Havemann

    verlogen !!!

    • Silke R. Plagge

      Sehr geehrter Herr Havemann,
      was genau möchten Sie uns mit diesem Kommentar mitteilen? Mit verwunderten Grüßen aus der Redaktion, Ihre Silke R. Plagge