Verflucht, ich bin ein Vorbild!

Eltern sollten sich immer perfekt verhalten – doch Redakteurin Silke R. Plagge wurde von ihrer Tochter bei einem Fehlverhalten erwischt. Was nun?

„Wo sind die Chips?“ Eine kleine Frage. Dann folgt im vorwurfsvollen Ton: „Du sollst doch nicht immer so viel naschen, das macht dick.“ Äh, ja. Stimmt. Weiß ich. Blöd nur, dass meine nächtliche Attacke auf den fettigen Kartoffelsnack ausgerechnet von meiner Tochter entdeckt wurde. Peinlich. Nicht, nur, dass ich heimlich nasche, sondern dass ich mich vor meinem Kind rechtfertige. Beinahe jedenfalls.

So ein Mist, schon wieder habe ich als Vorbild versagt. Denn gute Eltern sind ihren Kindern stets ein Vorbild, steht es so nicht in jedem klugen Erziehungsratgeber? Und das bedeutet natürlich, sich gesund zu ernähren, sich stets korrekt im Straßenverkehr zu verhalten, nicht unhöflich zu sein, nie beim Spielen zu schummeln und erst recht keine bösen Wörter zu sagen. Denn nachher werde der Nachwuchs selbst fluchen, sagen die Ratgeber.

Das waren noch Zeiten, als ich als kinderlose Frau blöde Autofahrer oder andere, die mich wütend gemacht haben, nach Herzenlust beschimpfen konnte! Heute bin ich da stets wachsam. Ich bin ja schließlich ein Vorbild, für meine Tochter ja sogar ein Role Model, also wird sie noch mehr darauf achten, wie ich mich als Frau verhalte. Alles Fehlverhalten von mir könnte später schlimm enden. Bin ich eine duckmäuserische Frau, die stets allen gefallen will und sich dick schminkt, glaubt sie nachher noch, genauso handeln so müssen. Und auch das Frauenbild des Sohnes präge ich. Nee, nee, das möchte ich nicht. Daher geht es bei uns in der Familie immer so zu, wie es sein sollte, oder?

Verflucht, ich bin ein Vorbild (© Getty Images)

Verflucht, ich bin ein Vorbild (© Getty Images)

Können Eltern denn wirklich damit leben, stets alles richtig zu machen?

Wenn ich ehrlich bin, ist das nicht die Wahrheit. Natürlich fluche ich, wenn ich mich stoße. Oder mich ärgere, oder so. Und ich habe auch schon den Vater der Kinder mit nicht so netten Namen im Streit tituliert. Ich bin ein schlechtes Vorbild, weil ich gar keinen Fahrrad-Helm habe und mich auch schon am Telefon verleugnen lassen habe. Nicht von den Kindern, aber trotzdem.

Ich bin bestimmt auch keine perfekte Frau. Auch wenn ich versuche Beruf, Familie und Haushalt wunderbar unter einem Hut zu kriegen, so ganz toll klappt es nicht immer mit der Vereinbarkeit. Meist leidet vor allem der Haushalt. Und sicher will ich tatsächlich vielen gefallen, und damit bin ich kein super Rollenvorbild.

Vor allem ernähre ich mich nicht immer gesund und ausgewogen. Und ich esse nicht jedes Gemüse, ich muss nicht mal probieren, denn das, was ich nicht mag, koche ich gar nicht erst. Fies, denn die anderen müssen dann Aubergine, Artischocke oder andere Dinge wenigstens kosten. Vor allem aber, ich gebe es zu, nasche ich heimlich manchmal, wenn die Kinder schon im Bett sind. Nun wurde ich erwischt.

Dabei wird uns Eltern doch eigentlich mit dem ersten positiven Schwangerschaftstest erklärt, wie wichtig es ist, sich immer richtig zu verhalten, oder? Mütter schämen sich dann für ihre Schwangerschaftssünden und Väter geben nur sehr verschämt zu, dass sie sehr wohl lügen. Wer dann auch noch in einen Erziehungsratgeber guckt oder den einen oder anderen klugen Artikel im Internet liest, hat dann auch noch ein schlechtes Gewissen.

Eltern sind Vorbilder – aber nicht nur positive

Es gibt aber auch bekannte Experten, die die Rolle von Eltern viel entspannter sehen. Der dänische Famlientherapeut  Jesper Juul erklärt in einem Interview: „Eltern sind immer Vorbilder.“ Doch er relativiert diesen Satz, wenn er erklärt:

Viele Experten sind der Meinung, Eltern sollen positive Vorbilder sein. Das ist Quatsch. Niemand kann immer ein positives Vorbild sein.

Wichtig sei das Vertrauen, das Eltern ihren Kindern entgegen bringen sollten, Anweisungen und Anregungen würden hingegen meist überschätzt. „Kinder und Erwachsene lernen genauso viel von schlechten Vorbildern wie durch sogenannte positive Vorbilder. Sie lernen vom Tun der Eltern, nicht von dem, was sie sagen.“

Aufhören mit dem Schämen

Für mich irgendwie ein beruhigender Gedanke. Denn natürlich lernen meine Kinder von mir. Durch mein Handeln. Jesper Juul betont, wie wichtig es ist, Kinder als kompetente Menschen zu sehen, und diese können auch mein Handeln beurteilen. Es ist gut, dass meine Kinder mich eben nicht als perfekt wahrnehmen, denn das bin ich nicht, und das sagt auch Juul ganz deutlich: „Es gibt keine perfekten Eltern! Es gibt nicht einmal annähernd perfekte Eltern. Selbst die besten Eltern machen pro Tag zwanzig Fehler. Das ist völlig normal. Man muss nur dazu stehen.“

Ich höre also ab sofort auf, mich für mein Fehlverhalten zu schämen. Ich werde bestimmt noch öfter Fehler machen. Die werde ich meinen Kindern vielleicht erklären. Dann nämlich, wenn ich mich im Ton vergreife. Wenn ich zu ungeduldig oder hektisch bin. Da ist es mir wichtig, dass die Kinder verstehen, dass ich mich eben leider unperfekt bin und mich auch entschuldige, wenn ich Fehler mache. Aber nicht immer werde ich alles erklären. Denn ob ich abends mal etwas nasche oder nicht, dass ist meine Privatangelegenheit, oder?

  • Stefanie

    Warum muss das denn eine Privatangelegenheit sein? Wenn ich Chips will, dann kaufe ich mir welche und esse sie, wann ich will. Und wenn ich dann fett werde, sage ich „Das kommt von den Chips.“ Ich trage die Konsequenzen und das ist dann auch das Wichtigste, was ich meinen Kids beibringen will: Zu dem stehen was ich tue und die Konsequenzen tragen. Ich bin ein gutes Vorbild. ;)

  • Kerstin

    wenn ich erwischt werde (mit Schokolade) dann gebe ich ein Stück zum probieren und dann lege ich gleich den Rest weg. und dann genießes wir – jeder das eine Stück! :)