Partnerschaft: Wenn das Kind immer im Mittelpunkt steht

Eltern möchten alles richtig machen. Doch wenn sich alles nur noch um das Kind dreht und es immer im Mittelpunkt steht, dann belastet das die ganze Familie. Der Experte Dr. Albert Wunsch erklärt, warum Eltern sich nicht nur noch als Mama und Papa sehen sollten und welche Wege es gibt, damit die Partnerschaft nicht leidet.

Wenn Babys lachen, lacht die Sonne. Sicher, aber trotz all der Freude ist die Elternschaft nicht immer einfach. Der amerikanische Professor Scott Stanley untersuchte in einer Langzeitstudie, an der 218 Paare mit und ohne Kinder teilnahmen, welchen Einfluss Kinder auf die Paarbeziehung ausüben. Das Fazit: Rund 90 Prozent der Eltern berichten, dass ihre Partnerschaft nach der Geburt ihres Kindes gelitten habe. Die Verschlechterung hielt meist während der gesamten Zeit der Untersuchung an. Zwar gaben auch die kinderlosen Paare an, dass ihre Beziehung sich im Laufe der Zeit verschlechtert habe, doch dass Kinder die Partnerschaft ändern, ist eine Tatsache. Denn mit der Geburt sind Mann und Frau nun eben auch Mutter und Vater.

Viele Eltern setzen sich sehr unter Druck

Kein Wunder, denn die Erwartungen sind ja auch hoch. Um den Kindern ein schönes Zuhause bieten zu können, sind meist beide Elternteile beruflich engagiert, gleichzeitig ist der Spagat zwischen Job und Familie zu meistern, die Partnerschaft soll erfüllt und glücklich sein und fröhliches Kinderlachen das Haus füllen. Schließlich sind Eltern ja für den Erfolg und das Glück des Nachwuchses verantwortlich. Entsprechend wichtig sind viele Kurse und die Verantwortung dafür, dass die Kinder auch tolle Freunde haben. Auch dafür haben Eltern zu sorgen. Eltern versuchen möglichst wenig dem Zufall überlassen und das beginnt schon vor der Geburt, sagt Dr. Albert Wunsch, Erziehungswissenschaftler, Psychologe und Konfliktberater. „Das Projekt Kind soll möglichst genau geplant werden. Selbst die Geburt wird nicht dem Zufall überlassen.“

Wenn das Kind immer im Mittelpunkt steht.. (© Thinkstock)

Wenn das Kind immer im Mittelpunkt steht.. (© Thinkstock)

Das langersehnte Wunschkind wird verplant, es soll die beste Förderung bekommen. Gemeinsam steht das Paar vor der dem Kinderbett und ist mächtig stolz darauf, dass ihre Anna-Lena sich als erste in der Krabbelgruppe an einem Stuhl hochziehen kann. Stolz, Freude – aber auch Sorge zu teilen ist normal. Doch für viele Paare kehrt irgendwann ein Elternalltag ein, bei dem sich alles um den Nachwuchs dreht. „Oft beginnt das schon in der Schwangerschaft, wenn sich alle Gespräche eines Paares nur noch um das zu erwartende Baby drehen“, berichtet Dr. Albert Wunsch. Der Autor des Buches „Boxenstopp für Paare“ kennt aus seiner Beratungsarbeit Paare, die offen erklärten, gescheitert zu sein. „Als Eltern haben wir funktioniert, aber uns als Paar verloren“, habe ihm eine Frau berichtet.

Wer nur noch das Kind im Auge hat, verliert den Blick für den Partner

Vorbei die Zeiten, in der auf den abwesenden Partner gewartet wurde. Hochhackige Schuhe und der Rock, den der Mann so bewundert, verschwinden im Schrank. Im Kleinkindalltag wird die praktische Jeans bevorzugt. Auf der anderen Seite wird sich aus Bequemlichkeit am Wochenende nicht mehr rasiert, auch wenn die Frau Stoppeln hasst, und gemütliche Freizeithosen machen sich doch auch auf dem Spielplatz netter, oder? Um den Partner wird sich nicht mehr sonderlich bemüht, der Alltag mit Kind, der Spagat zwischen Job und Familie – all das ist für jeden Einzelnen ja auch Belastung genug.

Kommunikation findet immer weniger statt und reduziert sich sehr oft auf Fragen wie: „Wer holt das Kind ab?“ oder „Kannst du noch Milch mitbringen?“ Die Romantik bleibt auf der Strecke. Und für viele auch ihr Bild von einer glücklichen idyllischen Familie und einer zufriedenen Partnerschaft. „Männer und Frauen haben oft hohe Erwartungen an den jeweils anderen und sind dann enttäuscht, wenn diese nicht erfüllt werden“, sagt Dr. Albert Wunsch.

Die Zentrierung auf das Kind belastet das Kind – und die Partnerschaft

Wird das Kind völlig in den Mittelpunkt gestellt, dann hat das für das Kind schwere Folgen. Die Eltern wetteifern darin, der beste Elternteil zu sein. Wer hat den tollsten Ausflug gemacht? Wer das nettere Mitbringsel von der Dienstreise? Das Kind soll keine Konflikte kennenlernen und wird ihm in der Sandkiste eine Schaufel weggenommen, springen Mama oder Papa sofort ein und schimpfen mit dem Missetäter. Jedes Ungemach soll vermieden werden. Diese Eltern werden im Englischen oft als „Curling parents“ bezeichnet, sie kreisen nicht nur wie Helikopter-Eltern um ihr Kind, wie im Sport Curling werden alle Hindernisse sofort aus dem Weg geräumt. „Die Kinder werden in Watte gepackt und lernen selbst keine Strategien, wie sie selbst mit Konflikten und Enttäuschungen umgehen können“, erklärt Dr. Albert Wunsch. Ideal sei es, wenn Kinder solche Erfahrungen selbst machten, ähnlich wie beim Impfen, in kleinen Dosen. „So können sie den Umgang mit wohldosierter Belastung lernen und emotional stabil werden. Kinder, denen ein solcher Umgang vorenthaltenwird, haben es später im Leben schwer, weil ihnen wichtige Grundlagen fehlen.“

Eltern wollen die Freunde ihrer Kinder sein und verwöhnen diese lieber, als sich auseinanderzusetzen. „Das geht an den Bedürfnissen der Kinder völlig vorbei, denn die brauchen keine dreißig Jahre älteren Kumpel, sondern Eltern.“ In seinem Buch „Die Verwöhnfalle“ (Kösel-Verlag, 2013) hat Dr. Albert Wunsch die Auswirkungen beschrieben, die solche Erziehungsmethoden auf Kinder haben.

Aber auch für die Partnerschaft hat das ständige Kreiseln um den Nachwuchs Auswirkungen. Der wichtigste Mensch auf der Welt? Das ist eben nicht mehr der Mann oder die Frau. Die Worte „Wollt ihr euch lieben und ehren“ sind lange vergessen. Denn wer den anderen in erster Linie als Mutter oder Vater des Kindes sieht, hat den Blick für den Geliebten verloren, sieht kaum noch das Besondere an der Frau oder dem Mann. Kommen noch weitere Belastungen wie finanzielle Sorgen, Krankheit oder Umzug dazu – dann wird das Paar eher verzweifeln als wachsen.

Was Paare tun können, die das Gefühl haben, sich aus den Augen zu verlieren?

Zunächst sollten Eltern anfangen ihr Kind als eigenständigen Menschen zu sehen, der ganz behutsam auch eigene Erfahrungen machen kann und eigene Wege gehen darf, meint Dr. Albert Wunsch. „Mit jedem Geburtstag wird das Kind selbstständiger, nabelt sich mehr ab. Es tut Eltern dann gut, wenn sie ihr Kind los lassen können.“ Steht das Kind nicht mehr im absoluten Mittelpunkt, dann ist auch Zeit da, dass die Mutter und der Vater auf eigene Bedürfnisse achten können. Und sich Zeit füreinander nehmen.

Eine wichtige Unterstützung können hier Großeltern sein, aber auch Freunde oder liebe Nachbarn können dafür sorgen, dass Paare sich auch Zeit nur für sich nehmen können. Und dann sollten sie auf jeden Fall reden. Es kann hilfreich sein, sich selbst einen Spiegel vorzuhalten. Gemeinsam als zu betrachten, was gut – und was nicht gut läuft. Keine leichte Aufgabe. Der Rat des Konfliktberaters Dr. Albert Wunsch: „Oft hilft auch der Blick von außen. Gute Freunde oder nahestehende Verwandte um eine ehrliche Meinung dazu bitten, was vielleicht mehr und was weniger gemacht werden könnte in der Erziehung.“ Wichtig sei es, hier intensiv zu zuhören und das Gehörte anzunehmen.

Dr. Albert Wunsch

Dr. Albert Wunsch

Albert Wunsch ist Vater von zwei erwachsenen Söhnen und hat drei Enkeltöchter. Der Diplom Sozialpädagoge, Diplom Pädagoge, Psychologe und promovierter Erziehungswissenschaftler (Fächerkombination Pädagogik, Psychologie und Kunst) lehrt seit 2004 –  unter anderem an der Katholischen Hochschule NRW in Köln. Er leitete viele Jahre das Katholische Jugendamt in Neuss und arbeitet  in eigener Praxis als Paar-, Erziehungs- und Konfliktberater sowie als Supervisor und Coach (DGSv). Als Autor wurde er vor allem mit seinen Büchern „Die Verwöhnungsfalle“ und“Boxenstopp für Paare“ und viele Fachpublikationen bekannt. Mehr Infos unter: www.albert-wunsch.de