Helfer oder Besserwisser – wann ist Einmischen angesagt?

Sich in die Erziehung anderer Eltern einzumischen, sei in aller Regel ein Himmelfahrtskommando, erklärt Dipl. Psychologin Felicitas Heyne. Trotzdem ist der Impuls oft da, anderen Müttern und Vätern einen guten Tipp zu geben. Wann ist das angebracht? Diskutieren Sie mit!

Es ist so eine komische Sache mit Ratschlägen. Seitdem ich Mutter geworden bin, muss ich mir nämlich immer auf die Zunge beißen. Denn zu oft möchte ich gern Ratschläge geben. Das fing schon in der Geburtsstation an: Die Mutter im Nachbarbett nahm ihr Neugeborenes mit ins Bett, eng eingepackt in einer dicken Fleecedecke. Ich wollte „Nein, es könnte doch ersticken“ brüllen. Und schwieg.

Manchmal habe ich das Gefühl, in mir wohnt eine Art innere Elternpolizistin. Fehlverhalten von Eltern sollte strafbar sein und am liebsten möchte diese Ordnungshüterin es ahnden. Da ist zum Beispiel die andere Mutter, die ich beim Babyturnen kennen lernte und die erklärte,  ihr Baby möge halt kein Gemüse und sie füttere konsequent gar keines. Wie falsch – will ich schreien, lasse es aber.

Ich höre im Supermarkt einen schreienden Säugling und sehe, dass der arme Wurm völlig reizüberflutet ist, weil das grelle Neonlicht in die Karre knallt und die Mutter murmelt: „Och, er ist müde.“ Ich will das Verdeck ausklappen und das Kind schützen.

Helfer oder Besserwisser - wann ist Einmischen angesagt? (© Thinkstock)

Helfer oder Besserwisser – wann ist Einmischen angesagt? (© Thinkstock)

Aber nicht nur bei Babys möchte ich eigentlich „So geht das nicht“ rufen. Wenn ein Kind im Kindertheater ständig Kekse oder Chips mampft. Ein Vater sich von seinem nörgelnden dreijährigen Sohn überreden lässt doch noch ein Eis zu kaufen („Dir wird aber schlecht werden, musst du ja wissen.“)

Ich selbst will ja auch keine Grenzüberschreitungen

Warum ich mir die Worte verkneife? Weil sie sich rechthaberisch anhören. Und ich diese Eltern gar nicht kenne. Ich möchte ja auch keine ungebetenen Ratschläge. Nie werde ich vergessen, wie mich eine Frau im Urlaub ansprach (auch eine deutsche Touristin): „Bitte tragen Sie Ihr Kind doch nicht mit dem Gesicht nach vorn in der Tragehilfe, das ist ganz, ganz ungesund.“ Ich trug meinen Sohn genau fünf Minuten so – für ein Familienfoto. Das konnte die gute Frau nicht wissen, aber ihren „Rat“ empfand ich als überschreiten meiner Grenzen.

Guter Rat - nicht immer erwünscht und angebracht (© Thinkstock)

Guter Rat – nicht immer erwünscht und angebracht (© Thinkstock)

Fast immer halte ich meine Zunge darum im Zaum. Vielleicht hat der Papa gedacht, dass Bauchweh seinen Sohn vom zuviel Eisessen abhält? Es gibt allerdings zwei verschiedenen Szenarien, bei denen ich doch etwas sage. Wenn mich jemand ausdrücklich um meine Meinung bittet. Dann sage ich auch unbequeme Wahrheiten, etwa dass ich finde, dass eine Freundin zu schnell mit „Dann darfst du dich nicht verabreden/nicht fernsehen“ droht.  Und dass diese Strafe auch ein anderes Kind  – das sich auch auf die Verabredung freute – sanktioniert.

Reicht es, andere Erziehungsstile oder Ansichten zu tolerieren?

Nein, manchmal ist es eben nicht Besserwisserei, sondern Hilfe. Finde ich jedenfalls. Darum mische mich bei Unbekannten – auch ungefragt – ein, wenn ich das Gefühl habe, dass ein Kind in Gefahr ist. Wenn ein Kleinkind mit Worten fertig gemacht („Du kannst aber auch gar nichts“), wenn ein Zweijähriger im Straßenverkehr ohne Helm auf einem Laufrad an mir vorbeiflitzt (ich hielt den ausgebüxten Racker fest, seine Mutter kam angelaufen und war dankbar, dass ich gehandelt hatte).

Aber oft bin ich verunsichert. Wieso ist da diese Elternpolizistin? Warum habe ich das Gefühl, mich Einmischen zu müssen? Beißen sich auch andere Eltern so oft auf die Zunge? Ich frage die Dipl.Psychologin Felicitas Heyne. Gerade das Thema Kindererziehung biete sich für Besserwisserei an, sagt sie, denn es sei emotional hoch aufgeladen. Und ein Qualifikationsnachweis sei nicht nötig: „In dem Moment, wo man Mutter ist, ist man automatisch berechtigt und qualifiziert, andere Mütter zu „belehren“, weil man ja selbst Kinder hat. Das reicht als Berechtigungsschein. Man muss nicht ein Anwaltsdiplom vorweisen oder einen Meisterbrief im Handwerk, man ist automatisch qua Geburt in den Kreis der „Wissenden“ aufgenommen.“

Manche Eltern nutzen Ratschläge, um sich selbst besser zu fühlen

Es gibt Mütter und Väter, die handeln frei nach dem Motto: Meine Kinder gehen mir auf die Nerven, ich fühle mich schlecht, also nutze ich die Gelegenheit, die Dame vor mir an der Supermarktkasse herablassend darauf hinzuweisen, was sie in ihrer Erziehung falsch macht und ruckzuck geht’s mir wieder besser. „Das nennt man Selbstwerterhöhung auf Kosten anderer“, sagt die Dip.Psychologin.

Felicitas Heyne empfiehlt tatsächlich dazu, den Impuls ungebetene Ratschläge zu geben, zu unterdrücken. „Sich in die Erziehung anderer Eltern einzumischen, ist  in aller Regel ein Himmelfahrtskommando. “ In den meisten Fällen sei davon deshalb ganz klar abzuraten. „In unserer Gesellschaft besteht ein unausgesprochener Konsens, dass Familienangelegenheiten – und dazu gehört nun mal auch die Erziehung eines Kindes – Privatsache sind. Außenstehende bitte draußen bleiben!“ Selbst ehrliche und gut gemeinte Ratschläge  stoßen meist auf brüske Ablehnung und verändern nichts.

Elternberatung (© Thinkstock)

Elternberatung (© Thinkstock)

Im Gegenteil, es könne einem passieren, dass man den „Löwenmutterinstinkt“ bei den Eltern wecke, erklärt Felicitas Heyne. „Plötzlich wird dann sogar und diese ein Verhalten des Nachwuchses vehement in Schutz genommen, dass die Eltern normalerweise selbst nervig finden, wie etwa den seit Stunden gegen die Hauswand getretenen Fußball“. Die Psychologin erklärt dieses Verhalten auch damit, dass Eltern heutzutage verunsichert seien. Denn von allen Seiten kämen Ratschläge und Tipps. Auch die Flut von widersprüchlichen Erziehungsratgebern und düsteren Statistiken über missratene oder psychisch auffällige Kinder verunsichere. „Da legt man mit unerbetenen Rat lediglich den Finger in eine schwärende Wunde und provoziert kaum je etwas anderes bei ihnen als eine reflexhafte Verteidigungshaltung.“

Wer hat noch einen inneren Elternpolizisten und kennt schwierige Situationen? Schweigen oder raten -welche Wahl ist die richtige? Wir freuen uns über Kommmentare!

Doch leider gäbe es auch Situationen, in denen man annehmen müsse, dass das Wohl des Kindes schwerwiegend gefährdet sei. „Dann sollte man sich nicht nur einmischen, da hat man sogar die Verpflichtung dazu. Das ist der Fall, wenn das Kind psychische oder körperliche Misshandlung erfährt oder offensichtlich schwer vernachlässigt wird“ Wer sich die direkte Konfrontation mit den Eltern hier nicht zutraue, könne den indirekten Weg wählen und sich ans zuständige Jugendamt wenden. Anzeigen werden dort auch anonym entgegengenommen.

Es gibt Ausnahmefälle, in denen beherztes Eingreifen Leben retten kann: Wenn ein Kind bei Sommerhitze in einem geparkten Auto zurückgelassen wurde und akute Gefahr besteht, dürfen Sie im Rahmen der Nothilfe auch sofort eingreifen und wenn nötig auch die Scheibe einschlagen.

Wer hat noch einen inneren Elternpolizisten und kennt solche Situationen? Schweigen oder einen Rat erteilen? Was ist die richtige Wahl? Wir freuen uns über Kommentare!

  • papaleaks

    Danke für den guten Artikel. Ich fühle mich angesprochen ☺

    Es sind nicht nur Mütter, die sich oft auf die Lippen beißen müssen. Mir als Vater geht es oft nicht anders. Sei es beim Einkaufen, beim Papatreff oder einfach nur, wenn man durch die Stadt läuft/fährt.

    Gerade beim Thema „Tragen“ muss ich mich wirklich zusammen reißen. Immer wieder sieht man Kinder in Baby Björns – keine Anhock-Spreiz-Stellung und nach vorn getragen. Man(n) weiß, dass das nicht gut für das Baby ist und man möchte es den Leuten sagen. Aber ich sag nichts.

    Aktiv werde ich, wenn das Kindswohl in Gefahr ist. Bspw. wenn Kinder nicht ordentlich gesichert im Auto ‚rum gefahren werden. Nicht angeschnallt, turnend auf dem Rücksitz oder auf dem Schoß des großen Bruders/der großen Schwester. Wenn es die Gelegenheit gibt, mit den Eltern zu reden, dann versuche ich das. Wenn nicht, bin ich radikal und schreibe eine Anzeige. Hier ist für mich das Kindswohl akut gefährdet. Das ist für mich indiskutabel.

    Ansonsten halte ich mich zurück und sage nichts — auch wenn es immer mal wieder juckt. ☺

    • lilo

      Ich muss ehrlich sagen ich würde mich niemals bei anderen Eltern einmischen.
      Warum auch? Ich habe selbst 3 Kinder um die ich mich kümmere und warum sollten mich da andere interessieren? Immer dieses bei andere geschaute. Jeder sollte erstmal vor seiner eigenen Tür kehren bevor man anderen Ratschläge gibt. Das ist meine Meinung