Dürfen Eltern lügen?

Lügen gehört sich nicht. Oder doch? Schwindeln gehört doch zum Leben und sollte auch Kindern rechtzeitig beigebracht werden. Wie viel Wahrheit muss sein? Darüber streiten sich zwei Mütter – diskutieren Sie mit!

Lügen haben kurze Beine. Aber in vielen Familien sind es vor allem die Elternteile mit den langen Beinen, die immer wieder flunkern. Vom vielen Fernsehen bekommt man viereckige Augen und eine schiefe Haltung macht den Rücken krumm, erklären Eltern. Die Geschenke bringt der Weihnachtsmann, am Telefon sagt Mama, dass sie krank ist, nur weil sie keine Lust hat, die Oma zu besuchen. Papa raucht heimlich und Mama sagt verschwörerisch zu ihrem Sohn: „Dem Papa verraten wir aber nicht, dass der neue Pullover so teuer war.“

Kindern wird erklärt, dass Lügen verboten ist. Obwohl Eltern ihren Kindern erzählen, dass Lügen unanständig ist, legen sie für sich selbst doch ift ganz andere Maßstäbe an. Im Englischen gibt es sogar einen Begriff für Eltern, die ständig die Unwahrheit erzählen, das sogenannte „Pinocchio Parenting“. Ganz nach der kleinen Holzpuppe, deren Nase immer länger wird, wenn sie die Unwahrheit erzählt.

Pinocchio-Parenting: Dürfen Eltern lügen?

Pinocchio-Parenting: Dürfen Eltern lügen? (© Thinkstock)

Für Anna Werner (39) ist so eine Einstellung unmöglich. Weder möchte die zweifache Mutter ihren Kindern irgendwelche Mythen, etwa darüber, dass Spinat besonders stark mache, noch andere Unwahrheiten erzählen. „Ich möchte meinen Kindern vorleben, dass man mit der Wahrheit im Leben weiter kommt“, erklärt sie. „Wenn mir meine Tochter ein Bild zeigt, das ich wirklich scheußlich finde, dann belüge ich sie nicht. Ich sage dann eben nicht viel. Aber umso ehrlicher und richtiger kommt dann auch ein aufrichtiges Lob.“

Aber wie geht sie mit schwierigen Wahrheiten um? „Wir erzählen nichts vom Klapperstorch, sondern versuchen altersgerecht zu erzählen, wie es nun einmal ist. Ich würde auch nie einen verkleidetet Schauspieler als Weihnachtsmann mieten. Sollte mich je ein Kind fragen, ob es den nun gibt oder nicht, würde ich selbstverständlich sagen, dass die Geschichte nur ausgedacht ist.“

Stefanie Juchheim (32) sieht das anders. „Ich finde es schön, wenn Kinder an den Weihnachtsmann glauben. Und manchmal muss ein bisschen Schummeln einfach sein.“ Wenn ihre vierjährige Tochter viel zu überdreht und müde ist, wird schon mal erklärt, dass das Sandmännchen bereits zu Ende sei. „Meine Jule mag keine Äpfel – aber seit ich ihr erkläre, dass wir zu Pfannkuchen immer ‚Pfannkuchensauce’ mit ein wenig Zimt nehmen, schmeckt ihr zumindest Apfelmus.“

Wieso erzählen Eltern ihren Kindern nicht die Wahrheit?

„Die Eltern sagen sich: Das sieht so aus, als ob es gefährlich sein könnte, also versuchen wir am besten, das Ganze zu umgehen“ meint Ken Jennings, Autor des Buches „Because I Said So!“, der Eltern-Lügen hinterfragt. Eltern wollten so ihre Kinder schützen, so seine Theorie. Die Diplom-Psychologen Ute Erhardt und Wilhelm Johnen aus Kreuzlingen beschäftigen sich in ihrem Buch „Wenn ich ehrlich bin, dann lüg ich richtig gut“ ebenfalls mit Unwahrheiten.

Lügen gehören zu unserem Leben,

erklärt das Autoren-Duo. Sie seien eine wichtige soziale Fähigkeit, die auch Kinder zu beherrschen lernen sollten. „Lügen ist eine anspruchsvolle Tätigkeit, sie verlangt komplexe Abwägungen, ein gutes Gedächtnis, Kreativität und einen präzisen Blick auf die Realität. Die Anstrengung, möglichst clever und spontan zu lügen, sollte nicht unterschätzt werden“, schreiben Erhardt und Johnen.

Kind lügt, versteckt Bonbons hinter dem Rücken. Ergebnis von Pinoccio Parenting?

Doppelmoral –  Kinder dürfen nie lügen, Eltern schon (© Thinkstock)

Lügen haben viele Funktionen, erklären die Beiden. Manchmal schützen wir uns damit selbst („Er meint es eigentlich gut“) und blenden damit Dinge aus, die uns weh tun, manchmal erleichtern sie den Alltag („Schokolade ist alle“) und manchmal sind sie aus Liebe auch nötig („Natürlich bist du auch mit Brille schön“).

Mit einer guten Lüge könne man sich und seine Umwelt glücklicher machen, so die Diplom-Psychologen. Kinder seien geborene Lügner, würden es lieben kleine Abenteuer auszuschmücken, Geschichten zu erfinden und aus dem Wunsch heraus, Konflikte zu lösen, oft zu einer offensichtlichen Unwahrheit greifen. Dabei können sie aber oft noch gar nicht den Unterschied zwischen Wahrheit und Lüge erkennen „Viele Kinderlügen wollen oft wiedergutmachen“, so die Autoren. Doch dafür werden Kinder kritisiert und bestraft. Ziemlich ungerecht, denn offensichtlich herrsche eine doppelte Moral.

Es gibt gute und schlechte Lügen, Erwachsene dürfen und müssen sogar manchmal lügen, aber Kinder dürfen nie lügen.

Geben wir unseren Kindern eine Gabe mit, wenn wir sie anregen gut und kreativ flunkern? Ihnen zeigen, dass es in Ordnung ist, sich selbst das Leben schönzureden? Ihnen offen sagen, dass es manchmal in Ordnung ist, zu schummeln? Das Omas Kuchen zwar eklig aussieht, dass aber einfach nicht höflich ist, dies zu auszusprechen?

Und ist es nicht auch richtig, dass wir unseren Nachwuchs für kritzelige Bilder und merkwürdig geformte Tongebilde loben? Oder ist es besser, das Kind nur dann zu loben, wenn es wirklich überzeugt, weil es sonst sich für Picasso hält und später enttäuscht sein wird? Kein einfaches Thema.

Wir sind gespannt. Was meinen Sie? Sollten Eltern immer die Wahrheit erzählen? Ein paar Lügen ab aussprechen oder dürfen sie nach Herzenslust lügen, wenn sie es gut können? Diskutieren Sie in den Kommentaren mit!

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