Ich schäme mich…

Ich muss gestehen, als ich noch keine Kinder hatte, habe ich mich über das Verhalten meiner Freunde mit Nachwuchs manchmal sehr gewundert. Heute bin ich zweifache Mutter und ich schäme mich über die Gedanken von früher…

Vor gut zehn Jahren…Mein Freund und ich fahren mit einem befreundeten Paar und einem Kleinkind in den Urlaub. Und dabei fällt mir so einiges auf. Nee, wirklich. Manchmal spinnen Eltern. Fahren mit dem Kind Auto, nur damit es schläft. Ein paar Monate später rennt eine andere Freundin plötzlich aus dem Café, weil sie stillen muss. Diverse Situation sammeln sich, umso mehr Kinder den Freundeskreis bereichern.
Kinder verändern alles

Leben mit Kindern (Panthermedia Bild von Cathy Yeulet)

Heute schäme ich mich. Denn jetzt habe ich selbst zwei sehr muntere kleine Kinder von zwei und vier Jahren und die Erlebnisse von damals sehe ich jetzt aus einer ganz anderen Perspektive. Denn mit Kindern sieht die Welt irgendwie anders aus. Unter anderem muss ich mich für folgende Gedanken entschuldigen:
Meine Freunde sind ganz schön langweilig geworden, seit sie Eltern sind.
Der Tag fängt um 6 Uhr morgens an. Und die Nacht war kurz mit etlichen Unterbrechungen. Der Kleine weinte, weil er sich freigestrampelt hatte, die Große wollte erst nicht einschlafen und konnte später den Lichtschalter im Bad nicht finden. Der Tag beginnt also schon mit Schlafdefizit. Morgens Hektik, Arbeit, nachmittags Kinderprogramm. Abends? Hoffentlich ruhig. Da wäre auch noch riesiger Haufen Wäsche die gefaltet werden muss, die Küche, die zu putzten ist und Papierkram, der zu erledigen ist. Und mein Bett. Denn ich will nur noch schlafen. Freunde treffen? Sich ewig am Telefon austauschen? Dafür habe ich als berufstätige Mutter mit zwei kleinen Kindern einfach kaum Energie. Die Akkus sind oft einfach leer. Leider. Ich hoffe ja auch, dass auch wieder andere Zeiten kommen.
Ist ja schrecklich. Überall liegt Spielzeug rum. Die ganze Wohnung ist ein riesiges Kinderzimmer…
Nein, das muss wirklich nicht sein. Jedenfalls nicht, wenn man sehr pedantisch ist und ständig hinter den Kindern her räumt. Oder wenn man ganz pragmatisch erst gar kein Spielzeug angeschafft hat. Ansonsten finden Kinder, dass sie einfach jeden Raum in der Wohnung verschönern müssen. Und Eltern sind selbst ja auch schlimm. Im Arbeitszimmer habe ich selbst schöne Kinderzeichnungen aufgehängt…
Mit dem Auto rumfahren bis das Baby schläft? Reine Umweltverschmutzung.
Reiner Selbstschutz. Doch, heute kann ich das verstehen, auch wenn es wirklich nicht gut für die Umwelt und für den Geldbeutel ist, einfach so mit dem PKW rumzugurken. Aber wenn ein Baby einfach nur schreit und anders nicht zu beruhigen ist, heiligt der Zweck fast alle Mittel. Meine Tochter schlief als Säugling immer ein, wenn sie den Staubsauger hörte. Noch nie war die Wohnung so gründlich saubergesaugt, wie damals. Freundinnen von mir schwören auf Tragetücher und den Maxi Cosi vor der Waschmaschine.
“Der schönste Moment am Tag ist der, wenn die Kinder endlich schlafen”. Das ist aber lieblos.
Schlafende Kinder sehen aus wie kleine Engel. Friedlich und entspannt. Und wenn sie denn ganzen Tag sehr aktiv herumgeturnt sind, viel Aufmerksamkeit gefordert und bekommen haben, dann haben die Eltern sich diese Verschnaufspause auch redlich verdient. Es ist nicht herzlos. Es ist menschlich, sich auch über eine Auszeit zu freuen. Gerade Mütter fühlen sich immer zuständig, haben eine dreifach Belastung als Mutter, Hausfrau und Arbeitnehmerin – da fehlt oft Ruhe, Frieden und Entspannung. Die kommen erst, wenn das Kind endlich selig schlummert.
Eine Verabredung absagen, nur weil ich einen dicken Schnupfen habe. Völlig übertrieben.
Das kommt auf die Umstände an. Mütter von ganz kleinen Säuglingen sind schnell panisch. Es ist auch wirklich nicht schön, wie die Winzlinge sich mit Schnupfen plagen, denn dann fällt ihnen das Trinken schon schwer. Mit mehr Routine, Nasentropfen und Kochsalzlösung verliert eine ordinärer Schnupfen meist seine Bedrohung. Es sei denn, man hat ein Kind, dass gerade im Kindergarten oder bei der Tagesmutter angefangen hat. Dann wenn man wöchentlich einen neuen Virus kennenlernt und die ganze Familie ständig krank ist, dann hat einem einfach ein zusätzlicher Erreger gerade noch gefehlt – und die Verabredung mit der verschnupften Freundin wird abgesagt.
Meine Freundin hat ihr Kind furchtbar angeschrien. Kinder sollte man nicht bestrafen, mit Verständnis geht vieles sicher besser.
Ja. Natürlich. Aber es gibt Situationen, in denen Eltern eben nicht so reagieren, wie sie es selbst eigentlich wollen. Wir möchten unsere Kinder respektvoll behandeln, ihnen die Konsequenzen ihres Handels klar machen und so auch Grenzen setzten. Aber wenn ein Kind einem kleinerem Kind Haare büschelweise ausreißt, mit voller Absicht ein seltene Glasvase herunterwirft oder das Bett mit Kot beschmiert – dann reagieren die meisten Eltern sofort. Und zwar mit Wut, und die kann auch mal sehr laut werden. Sicher, das ist nicht richtig. Aber menschlich.
Immer nur Urlaub im die Ecke. Wie öde.
Tauchurlaub auf den Maledieven, Kulturreisen in spannende Städte – kann man sicher auch mit Kindern machen. Aber ob das Spaß macht? Bei Baby steht sicher im Vordergrund, dass viele lange Autofahrten nicht so mögen. Ansonsten machen Winzlinge in der Babytrage ja auch Museumsbesuche noch brav mit. Mit munteren Kleinkindern wird das Urlaubsprogramm jedoch anders. Und wenn der Nachwuchs nur nörgelt, habe die Eltern auch keine Entspannung. Eine Reise zum Bauernhof um die Ecke kann also viel erholsamer sein als eine Flugreise in die Sonne. Langweilig ist einem mit Kindern sowieso nie.
Pflegeleichte Haarfrisur, praktische Kleidung? Schlimm, wenn einige zum Muttertier werden…
Tja, ähm. Natürlich habe auch ich die Schuhe mit den schicken Absätzen nicht beim Kinderwagenschieben und auf dem Spielplatz an. Es gab schon Tage (Spuckflecken auf der Schulter, Schokopatscher an der Hose) an denen ich ernsthaft überlegt habe, dass eine Kittelschürze sogar Vorteile hätte. Gut, so schlimm ist es noch nicht, aber ich schmeisse mich morgens meist nur in die erstbeste Jeans (kann man gut waschen) und in irgendein T-shirt (bin morgens zu müde um daran Gedanken zu verschwenden -siehe oben). Und die Haare? Tatsächlich kenne ich viele Frauen, die sich von aufwendigen Föhnfrisuren oder Langhaarmähnen verabschiedet haben. Gerade im Sommer stecke ich meine am liebsten noch feucht hoch: Geht schnell und ein Frischegefühl bleibt. Den anderen Müttern und den Kindern auf dem Spielplatz ist es herzlich egal, wie ich rumlaufe. Allerdings sollte man schon einen letzten Rest Selbstrespekt bewahren. Die einen schminken sich auf jeden Fall die Lippen, ich brauche meine Wimperntusche…
“Na, willst du noch Tee Apfel?” Kleinkindsprache ist bei Erwachsenen nur peinlich.
Das ist richtig. Ich persönlich finde Erwachsene, die mit Kindern in so einer Gaga-Sprache sprechen unangenehm. “Willu heia-heia machen?” Schrecklich. Hört man aber doch eher selten. Als wir vor ein paar Jahren Freunde besuchten, sprachen die sich gegenseitig in Babysprache an. Und fragten sich gegenseitig: “Willst du noch einen Tee Apfel?” Statt Apfelttee. Ich fand das schlimm.
Mein Mann und ich bemühen uns, mit den Kindern richtig zu sprechen. Von anfang an. Warum sollten sie das Wort Wau-wau lernen, wenn das Tier Hund heißt? Trotzdem schleicht sich manches aus der Kindersprache ein. Mein Sohn forderte monatelang jeden Morgen einen “Lala” – ich gab ihm den Joghurt und irgendwie wurde mein Wortschatz bereichtert. Ich esse jetzt auch Lala. Oder setzte eine Bupse (Mütze) auf. Manchmal findet man die Wortschöfpungen der Kleinen so lustig, das man sie auch benutzt. Sicher nicht richtig. Aber so süüüüüß.
Immer der gleiche Tagesablauf. Bei soviel Routine fehlt irgendwie der Spaß am Leben.
Kinder lieben Rituale. Sie mögen es, wenn alles eine festen Platz hat, bestimmte Handlungen immer gleich sind. Und Eltern lieben entspannte Kinder, die nicht überdreht sind. Eine fester Tagesablauf kann Kindern einfach klare Strukturen geben. Man muss sich ja nicht immer sklavisch an alles halten. Ausnahmen dürfen und müssen auch sein. Wenn die Sonne herrlich scheint, dann kann man auch mit kleinen Kindern länger am Badesee bleiben und einfach dort Abendbrot essen. Schöne Rituale wie ein schönes Ins-Bett-Gehen machen Spaß. Und was bringt mehr Lebensfreude als ein Kinderlachen?

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