Lina geht zur Tagesmutter

Kleine pummelige Arme halten mich ganz fest.  Wir sind auf dem Weg zur Tagesmutter und heute soll Lina ganz allein dort bleiben. Als sie das Haus erkennt, freut sich meine 14-Monate alte Tochter „Da pieln“. 

Trotzdem, als ich die Tür ins Schloss lasse, höre ich ein lautes Schluchzen „Mama“, ruft Lina und klingt so schrecklich traurig. Auch mir kommen die Tränen. Und die Bedenken. Ist die Trennung noch zu früh? Muss ich wirklich arbeiten? Auf dem Weg zur Arbeit sehe ich überall Kinderwagen und vermisse mein Baby ganz furchtbar. Fühle mich irgendwie als Rabenmutter, die ihr Kind vorzeitig aus dem Nest wirft. Gar nicht so einfach, die Federn zu sammeln, um den Kind Flügel wachsen zu lassen. Als meine Tochter ein gutes Jahr alt war, hatte ich das Angebot bekommen, wieder einige Stunden in der Woche zu arbeiten. Aber wie sollte das für Lina werden? Nach einiger Überlegung entschieden mein Mann und ich uns bewusst für eine Tagesmutter. Wir wollten keine große Kindergruppe, sondern ein behütetes Umfeld für unser Kind. Und flexible Betreuungszeiten für uns. Über das Jugendamt  bekamen wir ein paar Adressen und von anderen Eltern ein paar Tipps.
Kind geht zur Tagesmutter

Kinder in Fremdbetreuung (Panthermedia Bild von Diego Cervo)

Wichtig war uns insbesondere ein vorheriges Kennenlernen und eine langsame Eingewöhnungsphase. Und das Bauchgefühl. Wie geht die zukünftige Betreuerin mit meinem Kind um? Laufen die Tageskinder „so nebenher“ oder stehen sie im Mittelpunkt? Wie sieht der Tagesalltag aus? Geregelt oder willkürlich? Fremdelt mein Kind oder fühlt es sich wohl? Bei Teda hatte ich ein gutes Gefühl. Die Gruppe war nicht zu groß und nicht zu klein, sie hatte schon einige Erfahrung mit Kindern – und sie schien meine Tochter offensichtlich zu mögen.
Fünf Stunden später höre ich lautes Kinderlachen, als ich meine Tochter abholen will. Ich öffne die Gartenpforte. „Schau mal, wer da kommt!“ „Mama“, ruft Lina und strahlt über das ganze Gesicht. Sie will mir sofort  die Sandkiste zeigen. Wie selbstverständlich läuft sie auch zur Schaukel, sie hat das Terrain sichtlich erobert. Als ich schließlich gehen will, meutert die Kleine. Da merke ich, dass sie gern bei der Tagesmutter ist. Auf dem Nachhauseweg muss ich sie dann doch ganz fest an mich drücken. Ich habe sie in diesen paar Stunden so sehr vermisst!
Heute ist Lina schon ein Jahr lang zwei Mal in der Woche bei ihrer Teda. Natürlich gibt es Tage, an denen sie weint, wenn wir sie hinbringen. Aber wir haben schnell gemerkt, dass sie in solchen Momenten nicht von uns Eltern getrennt sein möchte oder am liebsten zu Hause mit neuem Spielzeug gespielt hätte. Wenn sie dann bei der Tagesmutter ist, fühlt sie sich dort sichtlich wohl und zu Hause. In den letzten zwölf Monaten hat Lina soviel gelernt. Und die Vormittage bei der Tagesmutter waren dabei ganz wichtig. Vor allem der Kontakt zu den anderen Kindern.
Sie lernt schon früh mit anderen zu teilen, zu lachen und zu toben. Auch Konflikte sind wichtig. Wenn sie sich gestritten hat, erzählt Lina das  zu Hause. Sie berichtet auch von kleinen Ausflügen, von einem anderen Kind, das Quatsch gemacht hat oder von Essen, das sie zum ersten Mal probiert hat. Sie bringt selbst gemalte Bilder mit und singt Lieder, die ich nicht kenne. Ganz langsam wachsen Lina kleine Flügelchen, wir lernen, Zeit ohne einander zu verbringen. Das Loslassen war für mich als Mutter besonders  schwer. Es war merkwürdig, wenn Lina nach fremden Parfüm und Essensdüften roch. Wenn es Worte gab, die sie nicht von uns gelernt hatte. Gleichzeitig merke ich, dass ich unsere gemeinsame Zeit besser genießen kann, wenn ich auch wieder mehr Freiraum für mich habe.
Ausgeglichenen Eltern fällt es leichter, auch an die Wurzeln zu denken. Denn zu Hause sollen sich Kinder ja schließlich sicher und geborgen fühlen. Durch die liebevolle Betreuung einer Tagesmutter lernen sie auch Neues kennen, werden ganz langsam unabhängiger und lernen behutsam flügge zu werden. Ich bin froh, dass wir eine so gute Lösung für unser Kind gefunden haben. Noch kann ich mir nicht vorstellen, dass Lina in einem Jahr sogar täglich in den Kindergarten geht, aber der Schritt wird dank der Tagesmuttter gar nicht so groß werden.  Aber in diesem Sommer  wird meine Kleine noch durch den Garten ihrer Teda toben und mit ihren Freunden Jannik und Benni spielen. Und täglich neue Wörter und neue Abenteuer kennenlernen. Mal sehen, welche es heute sind.