Jesus – eine Geburt im Stall

Heute berichtet Maria von einer Geburt, die zunächst mit einer sehr ungewöhnlichen künstlichen Befruchtung begann.

Eigentlich verlief meine Schwangerschaft völlig undramatisch. Ich hatte mich auf eine Hausgeburt vorbereitet, das machten eigentlich alle bei uns so. Es war schon ein bisschen schwierig, denn ich wurde von vielen ziemlich schief angeguckt. Ich wollte schon so lange schwanger werden und naja, irgendwie war mein Mann jedenfalls nicht der Erzeuger.

Ist ja auch heute gar nix Ungewöhliches. Viele Paare nehmen die Hilfe der modernen Reproduktionsmedizin in Anspruch. Und mein Mann, ein Zimmerer, war zwar ziemlich patent. Aber was soll ich sagen – eben nicht in jeder Beziehung. Aber egal. Joseph und ich sind das erste Paar, das ganz öffentlich ein Kind bekam, dessen Erzeuger nicht der Vater war. Ich war so unendlich glücklich, als ich nach vielen Gebeten und eben einem Besuch von einem Typen namens Heiliger Geist endlich schwanger war. Mein Mann freute sich auch.

Als ich kurz vor dem Stichtag war, macht mir die Politik einen Strich durch die Rechnung: Wir mussten in die Geburtsstadt meines Mannes reisen. Das ging damals nur per Esel. So hatte ich mir die Geburt nun echt nicht vorgestellt. Als wir endlich in diesem Kaff Bethlehem ankamen, war absolut jedes Bett ausgebucht. Typisch Joseph –  mein Kerl hatte ja auch keine Verwandten oder sonst wen vorher gefragt.

Geburt ohne Hebamme: Jesus (c) Thinkstock

Geburt ohne Hebamme: Jesus (c) Thinkstock

Und dann ging es los. Mein Mann klopfte an alle möglichen Herbergstüren und ich merkte ein fieses kräftiges Ziehen im Bauch. Erst dachte ich, dass es vom vielen Reiten kommt. Oder von den Nerven. Aber dann merkte ich: Es geht los. Langsam atmen. “Du, wir müssen jetzt was finden,” murmelte ich leise. Ich glaube mein Mann hat sich tierisch erschrocken. Er fand jedenfalls einen Wirt, der wenigstens einen Stall übrig hatte. So hatte ich mir das alles nicht träumen lassen. Mitten im Winter, bei Ochs und Esel. Ich hatte kein Wasser und keine andere Frau war da, um mir zu helfen. Irgendwie veratmete ich die Wehen. Kann mich nur noch schwach an alles erinnern.

Endlich war mein kleiner Sohn da. Plötzlich tauchten jede Menge Männer auf. Wahrscheinlich war mir nach der Geburt so übel, dass ich auch nicht so richtig zwischen Phantasie und Wirklichkeit unterscheiden konnte. Ein paar Typen erklärten irgendwas von Stern der sie geleitet habe und dabei hatten sie so Räucherdingens und Myrrhe dabei. War auf jeden Fall praktisch bei der schlechten Luft im Stall. Es kamen noch drei weitere Männer, die angeblich ein Engel geschickt hätte. Da merkte ich schon, dass es mir vielleicht doch nicht so gut ging.

Alle bestaunten meinen kleinen Jesus (* 24.12.) und ich lächelte nur entrückt und selig. Und dieses Lächeln ist auf allen Geburtsbildern zu sehen. Dafür nennt man mich jetzt auch oft Heilige Mutter. Aber im Mittelpunkt steht natürlich immer mein Baby, dessen Geburtstag ja fast überall eifrig gefeiert wird. Meist mit Lametta und Tannenbaum – wahrscheinlich weil uns das im Stall  fehlte. Nur eins frage ich mich bis heute: Wieso wird diese Nacht Stille Nacht genannt? Mit den ganzen Tieren und Menschen war es im Stall wirklich nicht ruhig. Aber wahrscheinlich liegt es daran, dass ich meinen Kleinen stillte …

Aufgezeichnet für Maria von Silke R. Plagge
Das Redaktionsteam der liliput-lounge wünscht allen Lesern und Leserinnen und ihren Lieben ein wunderbares Weihnachtsfest !

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