EM-Fieber

Ein ganzes Land fiebert mit. Wir gratulieren zum Einzug ins Viertelfinale – aber wir machen uns Sorgen, was diese Epidemie für Schwangere und Mütter bedeutet…

Tröööt. Mitten im Hamburg läuft nachts ein brünstiger Elch durch die Nachbarschaft. Tröö. Noch einer? Nein, es ist der liebliche Klang dieser schrecklichen Plastiktröten. Vuvuzela. Das hört sich doch schon irgendwie krank an. Und offensichtlich ist es auch ein erstes Symptom des grassierenden Fußball-Fiebers.

Kind in schwarz-rot-gold

(Bild: Emmy Brock, Panthermedia)

Weitere Symptome: schwarz-rot-goldene Fahnen. An Autos. Auf T-Shirts. An Kinderwagen, Babystramplern und Schnullern. Hartgesottene Fans können sich auch Kontaktlinsen bestellen, damit die Augen nicht mehr blau sind, sondern aussehen wie ein Fußball. Man kann keinen Supermarkt mehr betreten, ohne von EM-Produkten umzingelt zu werden. Sogar Kleenex-Boxen gibt es jetzt anlässlich des Kampfes um den Pokal in schwarz-rot-gold. Um Freudentränen zu trocken?

Am Samstag, dem 9. Juni, war es dann soweit. Das erste Spiel der deutschen Nationalmannschaft. Meine Familie war vorbereitet. Denn bereits am Freitag wurde im Kindergarten ein EM-Fest gefeiert. Alle Flaggen der teilnehmenden Länder hingen in den Gruppenräumen, die Nationalhymnen erklangen und die Kinder waren auch dekoriert. Meine hatten auf den Kauf von T-Shirts bestanden, die aussahen wie deutsche National-Trikots (eine Aufgabe, die Papa sehr gerne erledigte, dabei auch zufällig diverse Schmuckgegengstände für das Auto erwarb) und geschminkt werden wollten sie auch. Also Kinder in Trikots, mit geschminkten Flaggen und Tochter auch noch mit schwarz-rot-goldenen Zopfgummis. Doch im EM-Wahn müssen Eltern auch noch etwas mitbringen. Es gab Kuchen, der rasengrün gefärbt war, mit Zuckerguss auf dem Spielfeld und Gummibärchenspielern, weißen Schokobällen mit schwarz-rot-goldenden Streuseln und jede Menge Muffins mit entsprechendem Dekor.

Bei so einer Einstimmung war es kein Wunder, dass die Kinder sich auf das Spiel freuten. Am Sonntag war es nachmittags auf dem Spielplatz schon verdächtig leer. Alle Väter guckten wohl schon EM-Spiele. Etliche der anwesenden Elternteile (auch Mütter) hatten jedenfalls Kopfhörer im Ohr und hörten Liveübertragungen im Radio, während die Kinder buddelten. Abends mussten die Kinder mitgucken. Aus einem einfachen Grund: bei der letzten WM war meine Tochter ein Jahr alt und ich war hochschwanger.

Wo besteht da der Zusammenhang? Ich kann mich noch zu gut daran erinnern, wie ich – selbstverständlich stocknüchtern – die WM-Spiele verfolgte. Das Sommermärchen der WM in Deutschland. Und jeder Treffer, den ein deutscher Spieler erzielte, wurde hier in der Nachbarschaft lautstark gefeiert – ein siegreiches Spiel erst Recht. Das Ungeborene im Bauch fand den Lärm richtig  lustig und hüpfte auf und ab. Es war ein kleiner Junge – vielleicht wollte er auch schon mitkicken, keine Ahnung. Meine Einjährige allerdings fand die Böller und die vor Jubel hupenden Autos nicht gut. Sie wachte immer wieder auf  und als der Rest der Nation den dritten Platz bei der Weltmeisterschaft  feierte, hatte ich eine schlaflose Nacht mit übermüdetem Kleinkind.

In diesem Jahr wollte ich die Kinder also auf den Lärm vorbereiten. Nach leichtem Gemurre der Fünfjährigen ging das auch. Die ersten Böller konnte ich auch gut erklären. Das Gejubeln der nächsten Tore und die Feier des Sieges verschliefen sie. Uff – denn es war wieder ganz schön laut.

Heute morgen wurde im Kindergarten ausgiebig gefeiert. „Deutschland hat gewonnen. HSV ist Europameister!“ brüllte ein begeisterter Dreijähriger. Er wurde natürlich gleich von erfahrenden Sechsjährigen korrigiert. „Nee, nicht HSV – das ganze Land ist jetzt Europameister.“ Na ja. Noch nicht ganz. Europameister der Herzen auf jeden Fall.

Für Mütter und Schwangere kann das EM-Fieber anstrengend werden. Kuchen backen und schlaflose Nächte haben, weil der Nachwuchs die Jubelböller nur unheimlich findet. Die Männer kleben vor dem Fernseher und haben keine Zeit für den Nachwuchs. Bleibt der Trost: Wer heute am schwarz-rot-goldenen Schnuller nuckelt oder gegen Mamas Bauchwand tritt, der könnte ja 2030 dabei sein. Als Spieler. Das wäre doch was. Ob die Mütter von Müller, Podolski, Schweinsteiger & Co. in den 80er Jahren auch Fußballkuchen gebacken haben? Böller und laute Vuvuzelas gab es damals jedenfalls noch nicht.

Gerade Mütter nehmen am beliebten Public Viewing kaum teil. Aber Family Viewing ist auch sehr lustig. Die schönsten Kommentare meiner Kinder:“Warum spielt da eine Frau mit?“ (ein Spieler hatte lange Haare). „Wieso haben die nur einen Ball?“ und „Tor!“ (beim Anpfiff).

Und nun das Viertel-Finale. Wir sind gespannt und drücken die Daumen. Nur die blöde Tröte, die versuche ich unauffällig verschwinden zu lassen. Und wenn die deutsche Mannschaft weiterhin so gut spielt, verrate ich allen liliput-lounge -Leserinnen mein Rezept für weiße Schokobällchen…

Haben Sie auch witzige EM-Erlebnisse als Mutter oder als Schwangere? Wir sind auf Kommentare gespannt…

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