Richtig essen lernen

Die aktuellen Zahlen sind alarmierend: Jedes dritte Kind in Deutschland hat ein Ernährungsproblem. Verantwortlich dafür sind die Eltern. Doch wie bringt man Kindern bei, das Richtige zu essen? Hier die besten Tipps…

Erschreckende Zahlen: Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat eine aktuelle Studie veröffentlicht, aus der hervorgeht, dass in Deutschland inzwischen schon jedes dritte Kind übergewichtig sei. Andere Studien sehen das anders. Die KiGGs-Studie  des Robert-Koch-Instituts zum Gesundheitszustand von Kindern hat nämlich detaillierter nachgefragt und zeigt: Nicht jedes dritte Kind, sondern  jedes sechste bis siebte ist übergewichtig, und nur sechs Prozent werden als fettsüchtig eingestuft. Doch das ist Zahlenklauberei. Dass viele Kinder ungesund ernährt werden ist leider traurige Wirklichkeit.
 
Eltern sollen selbst vernünftig essen und damit ihren Kindern eine gesunde Lebensweise vorleben, erklärt Prof. Volker Pudel. „Heute wird zu viel Fett gegessen, dafür landen zu wenige Kohlenhydrate auf dem Teller. So machen selbst kleine Portionen dick“, sagt der Ernährungspsychologe von der Universität Göttingen.
 
Doch wie sieht so eine „richtige“ Ernährung aus und in welchem Alter sollten dafür Grundsteine gelegt werden?
 
Tatsächlich ist es so, dass das Kind ja vom ersten Tag seines Lebens beginnt zu essen. „Der Grundstein für eine gute Ernährung sollte schon im ersten Lebensjahr gelegt werden“, erklärt Ingeborg Hanreich, Ernährungswissenschafterin und Autorin. Das Stillen und eine gesunde Beikost ohne überflüssige Süßungsmittel bilden eine wertvolle Basis für die Ernährung von Kleinkindern.
 
Jedes Kind hat seinen individuellen Bedarf
 
Viele Eltern machen sich sehr viele Gedanken über das Essen  und andere gar nicht. Während die einen gedankenlos Fertigessen servieren, übertreiben die anderen mit übertriebener Auswahl manchmal. Experten raten zu Gelassenheit am Esstisch. Vor allem sollten Eltern darauf achten, dass Kinder ausgewogen essen und verschiedene Gerichte kennen lernen.
 
Viele Zwischenmahlzeiten hindern gerade Essanfänger daran, Verschiedenes zu kosten – denn wer den ganzen Vormittag Dinkelstangen und Apfel geknabbert hat, ist selbstverständlich nicht hungrig. Schwierig sind auch Richtwerttabellen, denn der Bedarf jedes Kindes ist verschieden. Kleine Energiebündel verbrauchen mehr Kalorien als verträumte Bastelkinder. Kinder kurz vor einem Wachstumsschub wirken pummeliger und Kinder, die Halsschmerzen haben, können diese vielleicht noch nicht benennen, verweigern aber das Essen.
 
Auf die Vielfalt kommt es an
 
Wenn Kinder einseitig ernährt werden, etwa vegetarisch ohne Milchprodukte oder überwiegend von Süßigkeiten und Feinmehlprodukten, kann dies zu schweren Mängeln führen. Kinder brauchen Spurenelemente, Vitamine und Fettsäuren.
Das wissen die meisten Eltern und bieten ihren Kindern daher Obst und Gemüse an. Doch genau dies lehnt der Nachwuchs oft ab. Hier raten Experten nur eines: Geduld, Geduld, Geduld! Denn: Kinder sind konservativ und probieren nur ungern Neues aus. Ein Selbstschutz, den wir Menschen der Evolution verdanken. Bevor ein Kind freiwillig zugreift, muss es bis zu 35-mal etwas angeboten bekommen, zeigten Experimente.
 
Darum sollte möglichst unverkrampft mit dem Essen umgegangen werden. Nicht erpressen und nichts erzwingen. Vorträge darüber, wie gesund bestimmte Lebensmittel sind, bewirken meist das Gegenteil. Das Kind wird skeptisch. Prof.Volker Pudel: „Mein Tipp: selbst essen und nicht drüber reden!“ Wenn ein Kind immer wieder Obst und Gemüse angeboten bekommt, dann können Eltern natürlich ein wenig in die Trickkiste greifen (siehe unten), sie müssen sich aber keine Sorgen machen. Ernährungsmediziner Berthold Koletzko von der Universität München beruhigt besorgte Eltern: „Wenn ein Kind eine Weile mal kein Obst oder Gemüse isst – davon geht die Welt nicht unter!“
 
Milch: Für Kinder unentbehrlich
 
Kinder brauchen Calcium, damit ihre Knochen sich richtig aufbauen können. Milch und Milchprodukte sind daher besonders wichtig. Zudem enthalten sie Phosphor, Eiweiß, Zink, Jod und besonders die Vitamine B2 und B1. Vor allem Trinkmilch, Joghurt, Dickmilch und Buttermilch enthalten besonders viel Calcium. Idealerweise sollte frischer Joghurt selbst mit Obst gemischt werden – fertige „Kinderjoghurts“ basieren tatsächlich auf wenig caliciumreichen Quark und enthalten reichlich Zucker. Mindestens einmal am Tag sollten Kinder ein Glas Milch – ohne Kakaopulver- trinken. Beispielsweise zum Mittagessen. Wenn Kinder Milch nicht mögen, können Joghurt oder aber auch Käse die Caliciumlücke in der Versorgung füllen.
 
Wasser ist das wichtigste Lebensmittel
 
Trinken ist für Kinder besonders wichtig. Milch oder Säfte sollten wie eine kleine Zwischenmahlzeit gesehen werden. Colagetränke und gesüßte Limonaden sind wegen des hohen Zuckergehaltes für Kinder ungeeignet. Der beste Durstlöscher ist Leitungswasser. Die Wasserwerke haben sehr hohe Qualitätsansprüche und Kinder vertragen Getränke ohne Kohlensäure am besten. Auch Kräuter- und Früchtetee oder Fruchtschorlen (auf Wasserbasis) sind gut geeignet.
 
Auf jeden Fall sollten Kinder möglichst früh aus einem Becher trinken und ihr Getränk nicht im Fläschen als „Dauernuckler“ nutzen – denn so verlieren sie ebenfalls ihr natürliches Hungergefühl.
 
Kartoffen, Nudeln und Reis – mehr als Sättigungsbeilagen
 
Gekochte Kartoffeln, Reis, Nudeln und Getreide enthalten wertvolle Kohlenhydrate, die Kinder brauchen. Denn die Inhaltsstoffe dieser Lebensmittel unterstützen das Wachstum, sorgen für starke Nerven, steigern die Konzentrationsfähigkeit und stärken die Abwehrkräfte. Sie enthalten kaum Fett, kein Cholesterin und haben einen hohen Anteil an Ballaststoffen. Besonders empfehlenswert sind Salz- oder Pellkartoffeln sowie selbst zubereitetes Kartoffelpüree. Fettreiche Zubereitungen wie Pommes Frites oder Bratkartoffeln sind weniger empfehlenswert.
Fleisch – nicht zu viel des Guten
 
Fleisch enthält Eisen, hochwertiges Eiweiß und Vitamin B12. Fleisch sollte mager sein und für Kinder nicht zu stark angebraten werden, da zu knuspriges oder gar angebranntes schädliche Stoffe enthält. Am besten wird abwechselnd  mageres Schweine-, Rind- und Geflügelfleisch gegessen. Schweinefleisch enthält viel Vitamin B1, Rindfleisch viel Zink. 
 
Bei Aufschnitt sollten gekochter Schinken, Corned Beef oder kalter magerer Braten hoch oben auf der Liste stehen. Salami, Blutwurst oder Bratwurst enthält oft über 50 Prozent Fett und sollte nur gelegentlich auf den Tisch kommen.
 
Fisch- der beste Lieferant von Omega-Fettsäuren und Jod
 
Mangel an Jod kann zu einer Schilddrüsenvergrößerung und im schlimmsten Fall zu einem Kropf führen. Seefisch, vor allem Seelachs, Kabeljau, Schellfisch und Scholle sind die wichtigsten Nahrungsquellen für Jod. Da in anderen Lebensmitteln sehr wenig Jod vorhanden ist, sollte einmal pro Woche Seefisch gegessen werden.
 
Süßes nur in Maßen
 
Eis, Kekse oder Schokolade? Das mögen fast alle Kinder gern. Kein Wunder, denn schon im Mutterleib haben sie als eine der ersten Geschmacksrichtungen süß kennen gelernt.
Aber so begeistert die Kleinen auf das Naschwerk reagieren, zuviel des Guten führt zu Karies, Übergewicht und Vitaminmangel. Schon ganz Anfang sollten Eltern daher darauf achten, dass Kinder möglichst wenig Zucker zu sich nehmen. Pudding aus Fertigpulver, Eiscreme und viele so genannte Kinderprodukte enthalten leider besonders viel Zucker.
 
Gelegentlich darf natürlich auch einmal genascht werden. Allerdings nie vor den Hauptmahlzeiten, denn das verdirbt den Appetit. Das Naschen, etwa von einem Stück Kuchen oder einem Stückchen Schokolade sollte auch nicht „mal so nebenbei“ passieren, sondern als bewusste Zwischenmahlzeit eingeplant werden. Das kann natürlich viel Spaß machen, denn ehrlich gesagt naschen die meisten Eltern ja auch gern.
 
Die besten Tipps für eine gesündere Ernährung
  • Fett sparen: Margarine und Speiseöl sollten bevorzugt werden. Ein Brot kann man auch mit Tomatenmark oder Quark bestreichen, damit die Wurst „klebt“. Soßen können Creme fraiche light oder noch besser mit Milch statt Sahne strecken. Pflanzliche Fette bestehen hauptsächlich aus wertvollen ungesättigten Fettsäuren. Butter dagegen besteht vor allem aus den weniger gesunden gesättigten Fettsäuren und sollte sparsam gegessen werden
  • Möglichst frisches Obst und Gemüse verwenden. Notfalls auf Tiefkühlkost zurückgreifen, bei Dosenkonserven sind fast kaum noch Vitamine vorhanden
  • Kinder selbst entscheiden lassen, wieviel sie essen möchten. Den Teller sollte lieber nicht randvoll gefüllt werden, sondern eher ein Nachschlag angeboten werden.
  • Kinder lieben Pizza. Hefeteig ist dabei die erste Wahl, denn er enthält weniger Fett und Eier als Blätterteig oder Quark-Ölteig
  • Fruchtjoghurt mit Naturjoghurt mischen, so gewöhnen die Kinder nicht an zu viel Süße
  • Obst und Gemüse verstecken. Frisch zubreitetes Apfelmus, püriertes Gemüse in einer Bolognese oder fein gemixtes Obst im Milchshake – wenn das Gesunde sich in anderer Form präsentiert, wird es oft doch gegessen. Der Kreativiät sind keine Grenzen gesetzt 
  • Verwöhn-Nachtisch am Wochenende. An Wochentagen Obst und Früchtequark anbieten, Pudding und Kuchen sind für Samstag und Sonntag reserviert
  • Laugenbrezeln oder Vollkorncracker mit Quarkdip statt Chips und Flips anbieten
  • Mini-Garten: Ziehen Sie mit Ihren Kindern Küchenkräuter auf der Fensterbank oder dem Balkon. Kresse in der Keimschale oder Cocktail-Tomaten auf dem Balkon ziehen – das macht neugierig auf den Geschmack.
  • Zusammen mit den Kindern kochen: Gemeinsam einen Speiseplan austüfteln, einkaufen und das Essen zubreiten. Das ist eine wunderbare Familienaktion!

Web-Tipp:
Beim aid infodienst -Ernährung, Landwirtschaft, Verbraucherschutz e. V.
können Sie hier die von Ernährungsexperten zusammengestellte 52-seitige Broschüre „Das beste Essen für Kleinkinder. Empfehlungen für die Ernährung von 1- bis 3-Jährigen“ zum Preis von EUR 2,50  bestellen oder kostenlos downloaden.

Bild: ©istockphoto

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