Gemeinsame Elternzeit für Vater und Mutter: Fallstricke und Chancen

Immer mehr Väter nehmen Elternmonate. Eine gemeinsame Familienzeit klingt wunderbar. Doch oft gestaltet sich der Alltag als gar nicht einfach. Worauf sollten Väter und Mütter achten? Welche Absprachen sind wichtig?

Dirk (32) nahm drei Monate Elternzeit. „Es passte gerade gut, ich hatte wirklich anstrengende Phasen im Job hinter mir. Die Firma war nicht begeistert, aber es ging dann doch.“ Für den Mitarbeiter eines großen IT-Betriebes war es von Vorteil, dass sich sein Arbeitgeber „Familienfreundlichkeit“ auf die Fahnen geschrieben hat. „Ich war nicht der erste Mann, der Elternzeit nahm. Wir arbeiten meist Projekt bezogen, da wird nicht so sehr der Ablauf gestört, wenn einer sich ausklinkt. Letztlich habe ich dann nach der Familienzeit einfach das nächste Projekt übernommen.“

Dirk wollte die erste Zeit mit dem zweiten Kind besonders genießen. „Beim ersten Kind war ich noch neu in der Firma, da war das schwieriger.“ Vor allem wollte er mit dem Neugeborenen, der zweijährigen Tochter und seiner Frau viel Zeit verbringen. „Außerdem hatte ich das Gefühl, dass mir eine Auszeit gut tut, ich hatte die Idee, dass wir alle zusammen viel Reisen und viel unternehmen. Das war blauäugig.“ Denn die erste Zeit mit zwei Kindern ist für die Familie nicht einfach, die Zweijährige wird krank, das Baby weint viel. „Für mich war das eine wichtige Erfahrung. Die mir auch klar gemacht hat, was meine Frau alles leistet. Ich habe sonst immer nur gesehen, was nicht gemacht wurde. Dass ein einfaches Wäscheaufhängen mit Kleinkind so anstrengend ist und welche Kraft es kostet, einfach immer für die Bedürfnisse so eines Minis da zu sein, das habe ich unterschätzt.“

Elternzeit ist kein Urlaub (© Thinkstock)

Elternzeit ist kein Urlaub (© Thinkstock)

Ein berufstätiger Vater, der sich eine Auszeit für sein Kind nimmt?

Das ist keine Ausnahme mehr, wie eine aktuelle Studie des Bundesinstitutes für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden zeigt. Rund 28 Prozent aller Väter von Neugeborenen beanspruchen Elternzeit. Im Vergleich zum Jahr 2006 hat sich damit die Zahl der Papas in Elternzeit versiebenfacht – Tendenz steigend. Doch wie lang sind die „Papa-Monate“? Die Studie zeigt, dass 76, 9 Prozent der Väter „nur“ ein bis zwei Monate nehmen, 13, 8 Prozent nehmen eine Familienzeit von drei bis neun Monaten und nur 6, 6 Prozent der Väter geht 12 Monate oder länger raus aus dem Job. Alles in allem ist es aber ein sehr positive Tendenz.

Das Elterngeld wurde 2006 eingeführt. Nach der Geburt erhalten Mütter und Väter maximal 14 Monate das Elterngeld, wenn ein Elternteil dieses mindestens zwei und das andere maximal zwölf Monate in Anspruch nimmt. Das Elterngeld orientiert sich an der Höhe des durchschnittlich verdienten Erwerbseinkommen. Diese Neuregelung hat sicher dazu geführt, dass immer mehr Männer die Elternzeit in Anspruch nehmen. Die Soziologin Prof. Heike Trappe hat sich mit väterlicher Elternzeit beschäftigt und erklärt: „Die Regelung hat Männern in zweierlei Hinsicht geholfen. Sie können ihren Anspruch auf mehr Zeit mit dem Kind gegenüber ihrem Arbeitgeber, aber auch gegenüber ihrer Partnerin besser vertreten.“

Immer mehr Männer möchten sich in der Betreuung ihrer Kinder aktiv engagieren. Doch sehr oft wird die Familienarbeit nicht ausgewogen aufgeteilt, Absprachen finden zu wenig statt, die Erwartungshaltung an die „Auszeit“ ist hoch. Eltern unterschätzen, wie „fremdbestimmt“ sie sich in der ersten Zeit mit einem Säugling fühlen. Gemeinsame tolle Reisen, Auszeit für persönliche Projekte wie das Buch, das schon immer geschrieben werden sollte, oder einen neuen Sportkurs ist rar. Unterschätzt wird auch, wie wichtig Absprachen sind.

Anja (37) war nicht begeistert, dass ihr Mann Jan (42) eine längere Elternzeit nahm. Der beamtete Lehrer konnte ein ganzes Halbjahr frei nehmen. „Jan hatte genau Vorstellungen. Er stand neben mir und erklärte, wie ich Stillen sollten. Das Wickeln übernahm er. Ich war irgendwann nur noch für das Kochen und Füttern zuständig. Waschen durfte ich auch. Kuscheln, Schmusen, spielen – das waren alles Papa-Aktivitäten.“ Anja fühlte sich ständig kritisiert, Jan hingegen sah sich im Abseits: „Am Anfang wurde die Kleine ständig gestillt. Nach Bedarf. Ich durfte sie so wenig halten.“ Beide hatten sich so auf das gemeinsame Wunschkind gefreut, aber erst als sie feste „Zuständigkeits-Zeiten“ vereinbarten, entspannte sich die Situation.

Gemeinsame Elternzeit - Absprachen sind wichtig (© Thinkstock)

Gemeinsame Elternzeit – Absprachen sind wichtig (© Thinkstock)

Gemeinsame Elternzeit als Herausforderung und Chance

Der Journalist Christoph Lippok ist selbst dreifacher Vater und kennt ähnliche Situationen. Als „Vaterberater“ kümmert sich Lippok um Fragen von werdenden Eltern und gibt Kurs für Väter. „Männern ist oft nicht klar, was so eine Elternzeit wirklich bedeutet.Sie wünschen sich auch Zeit für sich, vereisen und haben keine klaren Vorstellungen,“ erklärt Lippok. Am besten sei es, wenn ein Paar schon vor der Geburt gute Absprachen treffe. Wer betreut wann das Kind? Nehmen beide gleichzeitig Elternzeit? Wie soll diese gestaltet werden? „Vieles ist für beide eine Herausforderung. Männer sollten eben auch nachts aufstehen, sich an der Hausarbeit und anderem beteiligen.“ Aber auch für Mütter sei eine gemeinsame Elternzeit nicht immer einfach. „Frauen müssen auch loslassen können und ihren Männern eine Chance lassen.“

Hilfreich sei es, wenn sich beide Gedanken um die eigene Rolle machen. Was für ein Vater, was für eine Mutter möchte ich eigentlich sein? Wie sieht ein Zeitplan aus, wer ist für was wann zuständig? Wie sollen die ersten Wochen gestaltet werden? Hat jeder auch Zeitfenster für sich? Wer darüber nicht spricht, sondern einfach davon ausgeht, dass das andere Elternteil das Baby betreut, wenn der tolle neue Sportkurs stattfindet, schafft damit Konfliktpotential.

Christoph Lippok sieht es als positive Entwicklung, dass immer mehr werdenden Väter aktiv an der Schwangerschaft teilnehmen, Geburtsvorbereitungskurse besuchen (auch speziell solche für Männer), und präsenter im Leben ihrer Kinder werden. Sein Rat: „Viele Männer glauben, dass sie die Elternmonate erst um den ersten Geburtstag herum nehmen sollten, da sie ja dann mehr mit dem Kind anfangen könnten. Das ist schade, denn gerade wenn die allerersten Wochen gemeinsam verbracht werden, sorgt das für eine enge Bindung.“ Vor allem aber wünscht er Vätern, die sich für eine Elternzeit entscheiden, die Zeit zum Genießen. „Es ist einfach ein einmaliges Erlebnis, intensive Zeit mit dem eigenen Kind zu verbringen.“