Gelassener Beikoststart

Löffelchen für Löffelchen gewöhnen sich Babys an „richtiges“ Essen. Aber wann eigentlich? Wie gelingt die Beikosteinführung ohne Stress?

Spätestens ab dem sechsten Monat ändert sich das Leben von Babys, denn nach dem Motto „Jetzt gibt’s was auf den Löffel“ sollen kleine Menschen sich nun auf eine neue Ernährung umstellen. Das erste Häppchen Nahrung ist ein denkwürdiger Meilenstein in der kindlichen Entwicklung. Oft geht das mit eher merkwürdigem Verhalten der Mütter und Väter einher.

Beikost - Einführung mit Gelassenheit

Beikosteinführung – es wird schon klappen

Wurde eben noch in der Krabbelgruppe darüber gesprochen, wie wichtig ein Familienbett ist und war vor einigen Monaten das Stillen nach Bedarf etwas, das jede gute Mutter ihrem Nachwuchs bietet, so ist es bei vielen bei der Beikosteinführung vorbei mit der Gelassenheit. Plötzlich zählt nicht mehr die individuelle Entwicklung des Kindes, sondern der Gruppenvergleich. Die nur vier Wochen ältere Naomi ist schon beim Getreidebrei? Jannis verschlingt Pastinakenbrei in zehn Minuten? Und schon wird das eigene Kind kritisch beäugt. Die Clara müsste doch nun endlich gern essen?

Eltern ergreifen mitunter seltsame Maßnahmen, damit das Kind den Mund öffnet

Mütter kaufen auf dem Markt Bio-Gemüse, putzen Möhren für eine winzige Menge Brei und verzweifeln an den vorgeschriebenen Plänen. Wenn Babys nur ungern den Löffel in den Mund nehmen, lassen sich Eltern seltsame Maßnahmen einfallen. So wird das Kind extra auf einer Babywippe festgeschnallt, da es sich im Liegen nicht so wehren würde. Im Internet tauschen Eltern in Facebook-Gruppen Tipps darüber, wie Brei am besten in das unwillige Mündchen platziert werden kann. Ablenkung mit dem Handy, besondere Belohnungen oder Lieder werden angepriesen. Eine Mutter schildert, dass sie und der Papa extra viel „Tamtam“ machen. „Mein Mann lenkt sie ab, spielt Gitarre, schneidet Grimassen oder stellt sich sogar auf den Kopf. Dann staunt sie und macht den Mund auf – und zack ist der Brei drin.“

Vater füttert lachendes Baby mit Babybrei Trick

Füttern mit kleinen Tricks (© © Getty Images / jupiterimages)

Warum verhalten sich Eltern so? Ist es eine Urangst, dass das Kind verhungern könne? Früher wurden die Nachkriegsjahre und der damalige Mangel für vieles verantwortlich gemacht. Aber prägt der Hunger der Großeltern die Eltern von heute noch so sehr? Einst waren „schlechte Esser“ tatsächlich gefährdeter bei Krankheiten. Heute allerdings haben wir eher ein Überangebot an Nahrung. Kinder müssen lernen, aus den vielen angebotenen Lebensmitteln die richtigen auszuwählen. Doch wenn ein Kind das eigene Sättigungsgefühl nicht spüren darf („Nur noch einen Happen für Mama, und einen für Tante Lisa“), dann wird es später auch nicht wissen, wann der Löffel lieber an die Seite gelegt werden sollte. Und Essen nur, wenn für Ablenkung gesorgt ist? Experten fürchten, dass so die Grundlagen für Essstörungen und Übergewicht gelegt werden.

Ein Baby hat nicht immer gleich viel Hunger

Dabei kann auch die Einführung von Beikost ganz gelassen geschehen. Essen ist notwendig, es kann gesellig, lecker und lustig sein. Wie bei vielen anderen Dingen auch hat jedes Kind sein eigenes Tempo und eigene Vorlieben. Und die meisten Babys möchten gern am Familientisch dabei sein und freuen sich über das freuen sich über das neue sinnliche Erlebnis, festere Nahrung im Mund zu schmecken. Säuglinge erfahren die Umwelt ja vorwiegend durch den Mund, mit dem sie alles erkunden, was in Reichweite ist – deswegen bedeutet neue Nahrung auch eine Stimulation der Sinneseindrücke.

Beikost – ab wann?

Die Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist es, das Baby in den ersten sechs Monaten voll zu stillen. Es gibt aber Kinder, die schon früher reif für den ersten Brei sind. Babys signalisieren oft ihr Interesse für Nahrung. Sie beobachten aufmerksam die Eltern beim Essen, machen häufig selbst den Mund auf.

Die Stillkommission betont, dass Beikosteinführung nicht Abstillen bedeutet, sondern die Fütterung von Beikost unter dem Schutz der Muttermilch. Bei gestillten Säuglingen ist in der Phase des Übergangs vom ausschließlichen Stillen zur Beikostfütterung und auch danach keine zusätzliche Gabe von anderen Milchprodukten wie Säuglingsanfangs- oder Folgemilch notwendig.

Manche Kinder kommen nach dem ersten Löffelchen so schnell auf den Geschmack, dass sie die richtige Zungentechnik rasch lernen, andere tun sich damit schwerer. Auch das ist kein Problem, denn die erste Nahrung heißt ja Beikost und nicht Breikost. Das ist kein Tippfehler, sondern steht dafür, dass die Hauptnahrung des Babys noch immer die Muttermilch (oder die Fläschchenmilch) ist. Der Brei ist eine Beigabe und ergänzt die Milch. Nach und nach kommen die Kleinen immer mehr auf den Geschmack. Jeden Tag ein wenig mehr.

Essen will gelernt sein

Bei der Beikosteinführung auf die Signale des Babys achten

Bei der Beikosteinführung auf die Signale des Babys achten

Wichtig ist es, auf die Signale des Kindes zu achten. Sie haben nicht an jedem Tag gleich viel Appetit. Manche Kinder verputzen locker 200 Gramm Brei, andere sind schon nach 100 Gramm satt. Das Baby spuckt die Pastinake immer wieder aus? Vielleicht mag es dieses Gemüse einfach nicht? Und was, wenn das Baby überhaupt gar kein Interesse an Nahrungsmitteln hat?

Vielleicht ist es dann einfach noch nicht so weit. Bei manchen Kindern ist auch der Verdauungstrakt, der normalerweise mit einem halben Jahr so ausgebildet ist, dass ein Baby mehr als Muttermilch(-ersatz) verträgt, noch nicht reif genug. Wenn Eltern unsicher sind, sollten sie sich von einer Hebamme oder einem Kinderarzt beraten lassen, aber Angst müssen sie nicht haben. Die Muttermilch sorgt fast im ganzen ersten Lebensjahr für alles, was das Baby braucht.

Hier noch ein paar Tipps die zu mehr Gelassenheit bei der Ernährungsumstellung helfen:

  • Es muss nicht im Möhre sein. Der erste Gemüsebrei ist meist Hasenessen – Karotte pur. Sie schmeckt süßlich, ist gut verträglich und schmeckt den meisten. Aber eben nicht allen. Auch Zucchini, Brokkoli, Fenchel oder Pastinake sind für den Erstbrei geeignet.
  • Löffelspielchen. Zum Üben darf das Baby mit am Tisch sitzen und selbst einen Plastiklöffel in die Hand nehmen. Das tolle Spielzeug landet ganz von allein im Mund – garantiert. Am Anfang den Löffel beim Füttern nur an die Lippen heranführen. So kann das Kleine, den Brei in den Mund „saugen“. Denn die Zunge macht oft noch die typische Stillbewegung und muss die neue Technik noch erlernen.
  • Gemeinsame Mahlzeiten. Die Einführung der Beikost ist ein guter Zeitpunkt, um Familienrituale einzuführen. Nehmen Sie als Familie gemeinsam am Tisch Platz und essen sie gemeinsam.
  • Vorsichtsmaßnahmen. Am Anfang geht ziemlich viel Brei daneben. Die Zunge schiebt den Brei versehentlich wieder hinaus, das Baby muss husten – oder es langt begeistert in die Schüssel. Am besten für einen leicht abwischbaren Platz sorgen (Teppich schützen, nicht an der Wand platzieren, Wachstuchdecke auf den Tisch).
  • Nicht überfordern. Am Anfang reichen ein oder zwei Löffelchen. Tipp: Brei vorbereiten und im Eiswürfelbehälter kleine Portionen tiefkühlen. Reicht für die erste Mini-Mahlzeiten. Speiseöl dann erst nach dem Auftauen hinzufügen.
  • Trinken nicht vergessen. Babys, die Brei essen, brauchen auch Flüssigkeit. Geeignet sind stilles Mineralwasser („Für Babyernährung geeignet* muss darauf stehen), Leitungswasser (erkundigen, wie die Werte vor Ort sind, Nitratgehalt sollle unter 50 Miligramm pro Liter liegen). Getränk am besten in einem Becher anbieten, hier gibt es extra „kippsichere“.

Gut zu wissen:

Das Forschungsinstitut für Kinderernährung e. V. (FKE) untersucht gemeinsam mit dem Hessischen Landeslabor Babykost. Jährlich werden die bekannten Anbieter von Beikostprodukten in Deutschland um Übersendung der Originalverpackungen ihrer Produkte gebeten. Etwa 1200 Produkte von 19 Anbietern in der Datenbank mit Informationen zu Zutaten, ausgewählten Nährstoffen und Einsatzzeitpunkt können hier eingesehen werden. Mit der Babynahrung-Produktsuche vor dem Einkauf das Produkt zu Hause ausgewählt werden.

Was isst das Baby wann? Einen Überblick, aber keinen verbindlicher Fahrplan, gibt es beim Forschungsinstitut für Kinderernährung: Ernährungsplan für das erste Lebensjahr.

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