Babyled Weaning – Beikosteinführung ohne Brei?

Kleine Menschen brauchen keinen Brei und müssen nicht gefüttert werden, so ein Trend aus England. Wie genau funktioniert das und was meinen Experten zum Thema knabbern statt löffeln?

Mia sitzt in ihrem Hochstuhl, vor sich eine kleine Schüssel mit gekochten Kartoffen und Möhren. Sie greift sich ein handliches Stück, beschnuppert es, leckt ein wenig daran und nimmt sich mit der anderen Hand noch etwas. Daran lutscht sie länger. Und lacht. „Kartoffel mag sie“, erklärt ihre Mutter Paula. Mia ist sieben Monate alt und mag ihre Gemüsemahlzeiten. „Wir haben uns ganz bewusst dafür entschieden, unsere Tochter nicht zu füttern,“ erklärt Paula. Kurz vor Mias Geburt hatte sie von einer Bekannten vom „Babyled Weaning“, kurz BLW genannt, gehört.

Babyled Weaning - Beikosteinführung ohne Brei (© Thinkstock)

Babyled Weaning – Beikosteinführung ohne Brei (© Thinkstock)

Das Konzept ist auf den ersten Blick ganz einfach: Das Baby bestimmt selbst, wie es an Nahrung gewöhnt wird. Kein Füttern, kein püriertes Gemüse, kein Löffeln. Die Kinder bekommen stattdessen Gemüse und Obst in fester Form. Sobald sie sitzen können, nehmen sie am Familientisch teil und werden können aktiv lenken, welche feste Nahrung sie mögen. Zusätzlich werden sie weiterhin gestillt oder bekommen das Fläschchen, ähnlich wie Kinder, die mit dem ersten Brei gefüttert werden. „Wir beobachten, dass Mia es liebt, ihr Essen zu erforschen, es mit allen Sinnen zu entdecken und es ist witzig, dass sie schon ganz klar am liebsten Banane und Kartoffeln mag,“ sagt Paula. Mia hat inzwischen zwei Kartoffelstifte angeknabbert und einen zerdrückt sie gerade mit der Hand.

Viele Eltern sorgen sich darum, wie sie die Beikost richtig einführen. Die Empfehlungen der Lebensmittelindustrie, die auf Verpackungen „Ab dem 4. Monat“ druckt, der Rat der Schwiegermutter, die erklärt, das Baby brauche doch dringend Eisen und der Tipp der Hebamme, ja nicht vor dem sechsten Monat mit der ersten Karotten-Löffelchen zu starten, können verwirren.

Die WHO rät, bis zum sechsten Lebensmonat ausschließlich zu stillen. Aber es gibt auch Kinder, die früher signalisieren, dass sie gern etwas anderes zu sich nehmen möchten. Die Hebamme Gill Rapley hat in England mit ihrem Buch (s. Buchtipp unten) einen neuen Trend ausgelöst, der nun die Verunsicherung eher noch vergrößert. Nun ist ihr Buch auch in der deutschen Übersetzung erschienen. Und die Idee des BLW begeistert Eltern, die sich mit der neuen Methode eine Lösung für das scheinbare Brei-Dilemma erhoffen.

Wie funktioniert das Babyled- Weaning?

Wichtig ist, dass das Kind allein sitzen kann und den „Pinzetten-Griff“ beherrscht. Es soll gemeinsam mit dem Rest der Familie am Essen teilnehmen und bekommt zu den Mahlzeiten sein Essen in handgerechten Stücken. Das Baby wird nicht gefüttert, sondern kann selbst wählen und probieren. Als erste Gemüse sind gegarte Möhren, Kartoffeln, Zucchini, Brokkoli oder Pastinaken geeignet. Auch Nudeln oder Würstchen ohne Haut können etwas später gegeben werden, genau wie Bananen oder weiche Nektarinen. Zusätzlich bekommen die Kleinen weiterhin Mutter- oder Flaschenmilch nach Bedarf.

Möhren, Kartoffel, Pastinaken, Brokkoli (© Thinkstock)

Als erste Gemüse sind gegarte Möhren, Kartoffeln, Zucchini, Brokkoli oder Pastinaken geeignet (© Thinkstock)

Der große Vorteil des BLW liegt darin, dass die Kinder sehr bewusst die einzelnen Lebensmittel kennenlernen. Sie können mit allen Sinnen das Gemüse erfassen, es befühlen und an ihm schnuppern, ganz im eigenen Tempo. Vor allem das aktive Essen spricht für das BLW. Denn viele Babys mögen es nicht, gefüttert zu werden. Nicht ohne Grund:

Diese passive Form der Nahrungsaufnahme widerspricht allem, was wir heute über kleine Kinder wissen: dass sie nämlich ihren Alltag, ihre Beziehungen und ihre Erkundungen mitgestalten wollen,“

erklärt der Kinderarzt Dr. med. Herbert Renz-Polster.

Nachteile des Fingerfoods

Für einige Kinder und für einige Eltern ist das BLW optimal. Doch wer sein Kind „breifrei“ erziehen möchte, muss sich gut informieren. Wichtig ist eine ausgewogene Ernährung: Kinder unter einem Jahr können noch nicht problemlos vom Essen der Großen kosten, Fertigprodukte sind für sie zu salzig, sie vertragen Geschmacksverstärker und Zucker schlecht. So müssen Eltern, die BWL praktizieren, für Kinder Extraportionen kochen oder die eigene Ernährung muss ebenfalls gesund und bewusst sein.

Ruhe und Gelassenheit sind ebenfalls eine wichtige Voraussetzung, denn die kleinen Essanfänger erkunden auch die physikalischen Eigenschaften ihres Essens – und werfen und matschen gern damit. Einige Babys sind oft mehr mit den tollen Möglichkeiten des Spielens beschäftigt und nur sehr wenig Nahrung landet wirklich im Mund. Eltern brauchen daher viel Geduld. Manchmal sehr viel Geduld, denn verspielte Kinder ernähren sich dann hauptsächlich von den Milchmahlzeiten.

Kritiker bemängeln, dass bei dem Füttern ohne Brei der Nachschub von wichtigen Nährstoffen zu kurz komme. Die Ernährungsexpertein Dr. Ute Alexy vom Dortmunder Forschungsinstitut für Kinderernährung erklärt in einem Artikel der Zeitschrift „Leben und Erziehen“, dass trotz vieler Vorteile beim BLW die Versorgung mit Eisen beim Fingerfood nicht gesichert sei. Beim Gemüse-Kartoffel-Fleisch-Brei sei Eisen die beste Nahrungsquelle dafür. Beim BLW gibt es Fleisch meist in Form von Hackbällchen oder Wurst. „Die enthalten meist viel Fett und unerwünschte Fettsäuren“, erklärt Dr. Alexy.

Auch Kinder, die motorisch noch ungeschickt seien, täten sich mit der Methode schwer. Dr. Michael Krawinkel, Professor für Ernährungswissenschaft der Universität Gießen, sieht außschließliche Babyernährung mit Fingerfood ebenfalls skeptisch. Es bestehe die „Gefahr einer Unterernährung“. Eltern sollten daher genau darauf achten, was das Kind wirklich zu sich nimmt.

Viele wählen Mischformen

Wirklich neu ist die Idee den kleinsten erstes Essen zum Herumlutschen zu geben nicht. Viele Babys gucken ihren Eltern so sehnsüchtig auf den Teller, dass sie oft etwas zum Kosten bekommen. Ohne, dass die Großen darüber besonders nachdenken. Banane wird oft als Fingerfood angeboten, genau wie ein Stück weiches Brot.

Dass die Kleinen mitbestimmen können und eigene Erfahrungen ohne Löffel sammeln, das ist durchaus sehr positiv. Dr. Ute Alexy:

Die Idee des BLW kann den Beikost-Fahrplan mit den drei Breien als Grundlage gut ergänzen.

Langfristig werden die meisten Kinder mit einem Löffel selbst essen – egal, für welche Methode sich die Eltern entschieden haben. Auch bei der Beikost gibt es viele verschiedene Wege. Wichtig ist, dass der gewählte Weg zu den Bedürfnissen des eigenen Kindes passt.

Buchtipps:
Gill Rapley: Baby-led Weaning – Das Grundlagenbuch: Der stressfreie Beikostweg (Amazon). Kösel Verlag 2013,  19,99 €.
Loretta Stern, Eva Nagy: Einmal breifrei, bitte. Die etwas andere Beikost (Amazon). Kösel Verlag 2013, 15, 99  €.

  • Loretta Stern

    Liebe Silke Plagge,

    gerade habe ich Ihren Artikel über die breifreie Nahrungseinführung gelesen.
    Wie erfreulich, dass Sie über diese in Deutschland ja noch nicht so bekannte und verbreitete Methode schreiben. Allerdings beziehen Sie sich auf einen Artikel, der meiner Meinung nach sehr tendenziös über das Thema berichtet. Sehr treffend hat die wunderbare Hebamme Anja Gaca in ihrem tollen Blog vonguteneltern.de eben diese Veröffentlichung kommentiert:

    http://www.zockt.com/vonguteneltern/?p=880

    Eigentlich geht sie in ihrem Text schon auf alle relevanten Punkte ein, aber mir wäre obendrein noch wichtig zu erwähnen, dass keineswegs als erstes Fleisch Würstchen angeboten werden müssen, ja sogar gar nicht sollten, eben aufgrund der Inhaltsstoffe und aufgrund von zuviel Salzgehalt. Als „Anfängerfleisch“ eignet sich zum Beispiel wunderbar gut durchgegartes Hühnchen, in kleine Stücke gegen die Fasern geschnitten. Manche Kinder „zutzeln“ auch gerne an einem etwas größeren Stück, meine Tochter hielt zum Bespiel anfänglich einen Streifen Rinderfilet wie einen Lolli und zog so die wertvollen Säfte aus dem Fleisch. Warum „Hackbällchen“ besonders viel Fett enthalten sollen, erschliesst sich mir nicht wirklich- Auch muss das Hackfleisch ja nicht so stark gewürzt werden wie bei einer handelsüblichen Bulette- minimal Salz, dazu vielleicht noch Paprika, Piment, Oregano und Petersilie, und schon schmeckt die Sache. Beim Würzen ist eben ein wenig Fantasie gefragt, dann schmeckt das Essen trotz Salzarmut allen!
    Und was die Eisenlieferanten angeht, gibt es da ja auch eine Menge anderer Möglichkeiten: Kichererbsen (Hummus ist super, man kann herrlich Gemüse-Sticks hineindippen!!)oder Linsen zum Beispiel.

    Nebenbei bemerkt wird das Kind ja durch die Muttermilch mit einer besonders gut verwertbaren Portion Eisen versorgt, aber darauf geht ja schon Anja Gaca in ihrem Artikel ein.

    Sehr schwungvoll unterschreiben möchte ich die Tatsache, dass man sich gut informieren sollte und ein wenig profunder in Lebensmittelkunde hineinarbeite, als man das vielleicht vorher getan hat- eben damit man seinem Kind eine ausgewogene Beikost anbieten kann.

    Abschliessend möchte ich mich noch kurz auf Dr. Krawinkel beziehen: In der Tat bestünde die Gefahr einer Unterernährung, und zwar gesetzt den Fall, man würde dem Baby parallel die Milch verweigern! Wenn man aber weiterhin nach Bedarf stillt oder die Flasche gibt und darüber hinaus darauf achtet, WAS man dem Kind so alles anbietet und wieviel es davon zu sich nimmt, steht dem Selber-Esser-Spass zumindest theoretisch nichts im Wege!!!

    Jedoch ist es ja in der Tat so, wie Sie am Ende Ihres Artikels sagen: Wichtig ist, dass der gewählte Weg zu den Bedürfnissen des eigenen Kindes passt und er sich im jeweiligen Alltag für alle Beteiligten gut gehen lässt!!!

    Mit herzlichen Grüßen

    Loretta Stern

    • Loretta Stern

      ….irgendwie ging ein kleines Stück meines Kommentars beim Hochladen verloren-
      der Halbsatz „Warum Hackbällchen besonders viel Fett enthalten sollen, erschließt sich mir nicht wirklich-“ ging wie folgt weiter:
      es sei denn, man kauft Fertigware aus dem Kühlregal. Bei Metzger zum Beispiel kann man frisches mageres Rinderhackfleisch erstehen.

      So, das war’s jetzt aber wirklich!! ;)

    • Niki

      Hallo
      ich habe es mit blw versucht und die ganze Zeit nach Bedarf gestillt. Trotzdem ist es zu einem Eisenmangel gekommen. Da die Kleine aber immernoch lieber Milch trinkt (und das sehr oft) als sich satt zu essen, kann ich auch nicht viele Eisenlieferanten anbieten. und damit die Eisentropfen richtig wirken könnten, müsste es größere Trinkpausen geben… verzwickt! was mache ich am besten? kann ich irgendwie beeinflussen, dass die MuMilch mehr Eisen enthält?
      Ansonsten hat mir Ihr Buch endlich Breifrei sehr gefallen :) es war meine Stütze gegen Ratschläge von Freunden und Verwandten, die alles besser wissen! ;)
      viele Grüße