Baby-Illusion: wie die Psyche sich das Kind kleindenkt

Nach der Geburt des zweiten Kindes scheint das Erstgeborene über Nacht plötzlich riesig geworden sein. Fast alle Eltern kennen diese Phänomen, das sogar einen Namen hat: Baby-Illusion. Warum täuscht die Wahrnehmung?

Die zweite Geburt war ganz anders als die erste. Vor allem aber hatte ich ja nun zwei Kinder, um die ich mich sorgte. Wie würde meine 20 Monate alte Tochter die Trennung von mir überstehen? Die Nacht, in der ihr Bruder geboren wurde, war die erste, die sie ohne mich verbrachte. Auf ihren Besuch freute ich mich sehr. An vieles dachte ich: Würde sie vor allem auf mich reagieren? Oder auch den Bruder bestaunen?

Baby-Illusion: wie die Psyche sich das Kind kleindenkt (© Thinkstock)

Baby-Illusion: wie die Psyche sich das Kind kleindenkt (© Thinkstock)

Meine zarte Elfe ist plötzlich eine Riesin

Mit einem aber hatte ich überhaupt nicht gerechnet: als meine Tochter mit ihrem Papa ins Zimmer kam, wirkte das Mädchen, dass Kinderkleidergröße 86 trug, plötzlich riesig. Sie freute sich sehr über unser Wiedersehen, die kleine Familie kuschelte zu viert und die Geschwister mochten sich. Das war wunderbar. Dann sagte die frischgebackene große Schwester: „Stinker macht, Mama Winnel!“ Und weil ich doch meiner Maus zeigen wollte, dass sie nach wie vor ganz, ganz wichtig war, hob ich sie hoch. Sie war so schwer! Und als sie dann auf dem Wickeltisch lag, auf dem ich kurz vorher noch ihrem Brüderchen eine Mini-Pampers verpasst hatte, kam sie mir vor wie ein Hüne. Dabei war sie eigentlich für ihr Alter zierlich und ich hatte sie auch immer als zarte Elfe mit Pausbacken gesehen.

Wenige Wochen später traf ich mich mit einer befreundeten Mutter, deren Kinder genauso alt sind wie meine. Wir tauschten uns über einiges aus. Dann fragte sie: „Kommt dir dein ältestes Kind plötzlich auch so groß und so weit weg vor?“ Nein, weit weg nicht. Aber das mit der Größe konnte ich bestätigen. Ich gebe zu, ich dachte, nur mir geht es so.

Rund 70 Prozent der Mütter haben eine „Baby-Illusion“

Tatsächlich ist das Empfinden, dass das Erstgeborenene quasi über Nacht viel reifer und viel größer geworden ist, ein Phänomen, das sogar einen Namen hat: „Baby-Illusion“. Und weil so viele Eltern darüber berichten, dass das ihnen so komisch vorkommt, haben sich nun auch Wissenschaftler mit der elterlichen Wahrnehmung beschäftigt. Jordy Kaufmann von der Swinburne University of Technology in Australien befragte fast 750 Mütter. Rund 70 Prozent der Teilnehmerinnen ihrer Studie erklärten, dass ihnen ihr älteres Kind nach der Geburt eines Geschwisterchens plötzlich älter und über Nacht gewachsen erschien.

Eine Erklärung könnte einfach der Kontrast sein. Ein Kleinkind ist fast doppelt so groß wie ein Neugeborenes. Sehr viel interessanter schien den Forschern aber vor allem der psychologische Effekt der „Baby-Illusion. Denn auch wenn das Jüngste gar kein Säugling mehr ist, scheint den Eltern das Nesthäkchen immer kleiner und jünger, die Haut weicher, das Haar flauschiger.

Kaufman und ihr Team machten ein Experiment, um dies zu bestätigen. Mütter sollten die Größe ihre Kinder – der ältesten und der jüngsten – in deren Abwesenheit einschätzen und an einer Wand markieren, wie groß ihre Kinder seien.

Das Ergebnis des Experiments erstaunte die Wissenschaftler

Das Fazit der Forscher: Die Mütter hatten die jüngsten Geschwisterkinder deutlich falsch geschätzt. Im Durchschnitt lagen sie immerhin um 7.5 Zentimeter daneben. Die Körpergröße ihrer Ältesten hatten sie hingegen ziemlich genau geschätzt. Das Verschätzen bei der Größe des Nesthäkchens hatte nichts mit dem Alter zu tun, denn nicht nur Babys, auch ältere Kinder waren Letztgeborene.

„Diese Fehleinschätzung passiert demnach nicht, weil das ältere Kind einfach größer aussieht im Vergleich zum Baby“, sagt Jordy Kaufman. „Stattdessen deutet alles darauf hin, dass wir unbewusst unsere jeweils jüngsten Kinder behandeln, als wenn sie kleiner und jünger wären als sie wirklich sind.“ Tatsächlich hat die Natur sich auch etwas dabei gedacht, dass sie bei Eltern für diese Illusion sorgt. Denn das Ergebnis ist, dass Mütter um das Jüngste und hilfsbedürftigste Kind mehr kümmern.

Großer Bruder bestaunt kleine Schwester (© Thinkstock)

Großer Bruder – kleine Schwester (© Thinkstock)

Erst mit der Geburt eines weiteren Kindes wird die Verzerrung der Wahrnehmung anders. Denn nun erscheint das neue Kind kleiner und das nun ältere Kind wird realistischer gesehen. Auch das erscheint den Forschern als natürliches Phänomen, das dafür sorgt, dass das schutzbedürftigste Kind am meisten Fürsorge erhält.

Kaufmans Mütter-Studie zeigt, dass Wahrnehmung eben nicht objektiv ist

„Wir können der Genauigkeit unserer Wahrnehmung nicht trauen. In diesem Falle zeigt sich, dass unsere Gefühle und das Wissen über unsere Kinder beeinflusst, wie wir sie sehen“, so Kaufman.

Nicht erforscht wurde allerdings, was passiert, wenn es keinen weiteren Nachwuchs gibt. Erscheint uns Eltern dann das jüngste Kind so lange als hilfsbedürftig, bis das erste Enkelkind kommt? Oder endet die Illusion im Grundschulalter, wenn der 6jährige seine 8jähriger Schwester schon überragt? Behüten Eltern wirklich immer ihre Jüngsten? Ganz so einfach ist es wohl nicht. Es gibt Eltern, die Lieblingskinder haben, es gibt verwöhnte Nesthäkchen und hochgelobte Erstgeborene, die den Thron auch für Nachfolger nicht räumen. Trotzdem ist die Studie interessant – denn die „Baby-Illusion“ ist nichts, was Eltern peinlich sein muss.