Nadine: „Meine Julika ist ein wunderbares liebes Baby. Doch seit kurzem werde ich von vielen Eltern ganz geschockt angesehen. Und oft auf Julikas Aussehen angesprochen – denn mein Baby trägt Ohrringe.
Niedlich finde ich das überhaupt nicht, sondern schrecklich.
Schuld an allem ist Julikas Tante, die Schwester meines Mannes. Sie hat letzte Woche auf unsere Kleine aufgepasst. Ich musste unbedingt zum Zahnarzt und Julchen mag ihre Tante. Die ist flippig und lustig. Dass sie unverantwortlich ist, das haben weder mein Mann noch ich geahnt. Als ich meine Tochter abgeholt habe, kam der völlige Schock! Mein sechs Monate altes Baby trug kleine goldene Ohrringe! Ihre Ohrläppchen waren durchstochen, ich sah das getrocknete Blut. Und war wie gelähmt. „Das ist mein Tantengeschenk an Julika“, sagte die Schwägerin stolz. „Meine Freundin ist Piercerin, die hat mich heute besucht und die Löcher geschossen. Alles ganz sauber und eine Sache von Sekunden, Julika hat kaum geweint.“ Kaum geweint? Für mich ist das Misshandlung, was da passierte. Wie kann jemand es wagen, dem Kind anderer so etwas anzutun? Wortlos schnappte ich mein Kind und rannte aus dem Haus.
Mein Mann hat seine Schwester später furchtbar am Telefon angeschrien. Er wollte sie erst wegen Körperverletzung Schutzbefohlener anzeigen. Aber wir haben es dann doch nicht gemacht. Die Schwägerin hat kein Geld, so eine Anzeige würde ja nichts nützen. Den Kontakt haben wir allerdings völlig abgebrochen. Der kann ich doch nie wieder mein Kind anvertrauen. Nachher lässt sie es noch tätowieren oder so.
Besonders merkwürdig finde ich die Reaktionen meiner Umwelt. Die Schwiegermutter findet die Ohrringe total niedlich und versteht überhaupt nicht, warum wir uns aufregen. „Das muss man doch früh machen, Babys tut das ja noch nicht weh.“ Auch meine Freundin findet das toll und will mit ihrem Kind auch so etwas machen.
Ich war mit Julika beim Kinderarzt, der hat gesagt, dass er die Ringe drin lassen würde, sie wären gut gemacht und alles sei sauber. Mein Mann teilt seine Meinung. Aber ich bin da ganz unsicher. Ist die Verletzungsgefahr bei so einem kleinen Kind nicht zu hoch? Die anderen Mütter in meiner Krabbelgruppe finden, bis auf die eine Ausnahme, das übrigens auch. Sie alle finden die Löcher im Ohr mit den kleinen goldenen Steckern ganz grausam. Einige wollten erst nicht mehr, dass ich komme, weil sie mich so unverantwortlich finden.
Nun hat meine Tochter also die Ohrringe. Aber ich bin so unglücklich damit. Was kann ich den am Besten tun? Hat jemand einen Rat für mich?“
Protokolliert von Silke R. Plagge
Wir von der Redaktion können Nadines Aufregung sehr gut verstehen...
Und beobachten gleichzeitig ein Phänomen. Immer mehr Eltern lassen ihren Babys oder Kleinkindern Ohrlöcher stechen. Auch einige Kinderärzte bieten dies an. Wer unbedingt möchte, dass das Kind solchen Schmuck trägt, sollte sicher lieber zu einem Arzt gehen.
Die Kinderärztin Dr. Gabriela Schadenböck-Kranzl aus dem österreichischen Enns erfüllt Eltern diesen Wunsch durchaus. „Bei Kleinkindern steche ich selten Ohrringe, nur nach ausdrücklichen Wunsch der Eltern,“ erklärt sie der liliput-lounge. „Viele Eltern aus dem Osten wollen das, dort ist es kulturell angesehen. Ich spreche mich nicht dagegen aus, da ich es mit einer lokalen Anästhesierung durchführe, damit ist der Vorgang weitgehend schmerzlos. Eine sehr wichtige Einschränkung macht sie aber: „Wehrt sich das Kind sehr, führe ich es nie durch.“
Nadines Fall jedoch sieht die Kinderärztin sehr kritisch: „Ich finde es schlimm, wenn jemand etwas an einem fremden Kind ohne Einverständnis der Eltern durchführen lässt. Denn Ohrringstechen ist eine sehr persönliche Entscheidung.“ Das Stechen und das Tragen von Ohrringen sieht Dr. Schadenböck-Kranzl allgemein als unproblematisch für die kindliche Gesundheit.
Der deutsche Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte e.V. (BVKJ), hingegen warnt hingegen ausdrücklich davor, kleinen Jungen einen oder kleinen Mädchen zwei Ohrlöcher schießen zu lassen.
Denn Kinder empfänden selbstverständlich Schmerz, das Prozedere sei für sie sehr unangenehm. Es können, so der BVKJ in der Zeitschrift für Kinder- und Jugendgesundheit, ernsthafte Komplikationen auftreten: Infektionen, allergische Reaktionen und Narben. Bei jedem dritten Kind kommt es zu Infektionen des Stichkanals.
Zudem können die Ohrringe einwachsen, das kann zu langwierigen schmerzhaften Entzündungen führen. Auch die Verletzungsgefahr für das Kind, etwa ein eingerissenes Ohrläppchen, weil es beim Spielen hängen bleibt, ist hoch.
Der Rat des Berufsverbandes der Kinderärzte: „Eltern sollten ihrem Kind diesen unnötig riskanten Modetrend ersparen und abwarten, bis ihr Kind selbst darüber entscheiden kann, ob es Ohrringe tragen möchte oder nicht.“
Wie sehen das die liliput-lounge Leserinnen? Welche Erfahrungen haben Sie gemacht? Was wäre Ihr Rat an Nadine?
© coloroftime für istockphoto.com
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