Vor sieben Jahren habe ich mein letztes normales Osterfest gefeiert. Na jedenfalls mein letztes ohne Eierwahnsinn in irgendeiner Form. Denn im Frühjahr 2004 hörte ich den Satz: „Da hat sich ein Ei eingenistet. Herzlichen Glückwunsch, das ist eine wunderbare Frühschwangerschaft.“
Beim nächsten Osterfest war dann alles anders. Ich wusste ja noch nicht, dass es nur der Auftakt war. Meine Tochter war knapp drei Monate alt und wurde voll gestillt. Und ehrlich gesagt hatte ich mich schon ein bisschen auf das Naschen von Schokoeiern gefreut. Aber nein, ich bekam davon Sodbrennen. Und die Alkoholfüllungen waren genau wie Eierlikör tabu.
Im Jahr darauf feierten wir mit munterem Kleinkind und Baby Nummer zwei im Bauch Ostern. Das Töchterchen sollte unbedingt ausgeblasene Eier mit zur Tagesmutter bringen. Ich selbst wollte ja auch gern einen Osterstrauß dekorieren. Aber als Schwangere konnte ich ja schlecht die rohen Eier in den Mund nehmen zum Auspusten, ich gruselte mich richtig davor. Mein Mann nahm sich der Sache an - werdende Väter sind ja oft zu Opfern bereit - und pustete fünf Eier aus. Wenn wir geahnt hätten, dass das nur der Anfang war...
Denn kaum kam unser erstes Kind in den Kindergarten wurde es richtig gruselig. Der Eierwahnsinn schlug zu. Und wurde immer schlimmer. Eiwei, wenn zwei Kinder im Kindergarten, bzw. Krippenalter zur Familie gehören, dann gibt es zwei Buchstaben, die ein Wort bilden, das Panik bereiten kann: E-I.
Der alljährliche Wahnsinn beginnt etwa im Januar. Denn dann tauchen die ersten Schoko-Osterhasen und die diversen Eier in den Supermärkten auf. „Will ham“ nörgeln da schon die Kleinsten. Mehrere Monate vorbeigehen an lila Wundern, die Kinderherzen höher schlagen lassen. Die Geschichte, dass der Osterhase vielleicht auch hier shoppen würde, die glaubt mein Nachwuchs leider nicht.
Freundlicherweise kauft die halbe Nachbarschaft ständig diesen Süßkrams und steckt ihn gern meinen Kindern zu. Im letzten Jahr haben wir bis Oktober Schokoladeneier in der der Naschkiste gehabt!
Und dann gibt es noch diesen grauenvollen Zettel. Der, vor dem ich mich mittlerweile jedes Jahr fürchte. An unübersehbarer Stelle hängt er im Kindergarten: „Wir brauchen wieder Eier zum Basteln! Bitte für jedes Kind 10 ausgepustete Eier mitbringen!“
Ja, ich habe schon einmal darüber geschrieben. Damals war meine Tochter drei Jahre alt. Das bedeutete zehn Eier. Aber nun soll ich zwanzig Eier mitbringen! Und zuhause möchten die Kinder auch noch gerne basteln. Dabei haben wir schon eine ziemliche Osterei-Kollektion. Mir schwante irgendwie übles. Denn auch in diesem Jahr habe ich nicht schon vor Monaten angefangen. Wahrscheinlich sollte man beim Plätzchenbacken im Dezember die Eier mit Pusteloch versehen und die Dinger gut lagern. Aber so weit vorausschauend plane ich leider nicht.
Leider mögen meine Kinder kein Spiegelei oder Omelette. Macht nix, der Papa musste daher wieder ran. Ein pflichtbewusster Vater opfert sich und denkt nicht an das Cholesterin, damit der Nachwuchs basteln kann. In den letzten zwei Wochen gab es am Abend meist Rühreier, nachmittags Gebäck und gelegentlich Pfannkuchen. Ich konnte also beiden Kindern jeweils einen gefüllten Eierkarton mitgeben. Siegessicher betrat ich den Kindergarten. Meine Beiden drückten den Erzieherinnen die Kartons in die Hand. Und dann: „Oh. Die sind ja alle braun. Wir brauchen aber doch weiße Eier!“ Ein Fall von Diskriminierung. Weiße bevorzugt! Ich kaufe halt nur Bio-Eier. Und die gibt es meistens in braun!
Zur Strafe bekomme ich die Hälfte der Eier wieder mit nach Hause. Um sie dort zu verbasteln. Und obwohl ich mich so über die milden Sonnenstrahlen freue, kennen die Kinder keine Gnade. Sie wollen unbedingt basteln. Der Nachmittag endet im Fiasko. Dabei bin ich eigentlich routiniert. Damit die Eier gut bemalt werden können, habe ich lange Holzspieße gekauft, das Ei wird mit Knete fixiert, sodass es nicht verrutscht. Die Eierkartons eignen sich prima als Farbschüsseln für Fingerfarbe.
Wir drei sitzen am Tisch. Doch es läuft alles etwas schief. Der vierjährige Sohn drückt zu kräfig auf. Das Ei hält den Druck nicht aus und die Tränen über das zerstörte Kunstwerk sind bitter. Die sechsjährige Tochter will unbedingt filigran mit Buntstiften arbeiten und ärgert sich, weil das auf den braunen Eiern nicht so gut zu sehen ist. Dann kippt beim Aufhängen der Osterstrauß um. Blütenblätter, Eierschalen und Wasser vermischen sich unter dem Tisch mit den Resten des Schokoladeneis, das der Sohn gerade verspeist hatte. Während des Wischens wird mir klar, was das Ausmaß der Zerstörung bedeutet. Schon wieder neue Eier auspusten. Argh!
Am nächsten Tag gelingt es mir nicht, Eier zu kaufen. Ich überlege schon verzweifelt, ob ich den Frust in Alkohol ertränken soll. Einen Eierlikör zum Verschenken für die Omas? Dann können die das Leid eben mit ausschlürfen. Im Einkaufskorb habe ich zwei Dutzend weiße Eier, als ich mich mit einer Freundin im Café treffe. Die hat drei Kinder und bestellt trotzdem ein Eiergebäck. Ich bin beeindruckt. „Wie schafft du das mit dem Eierwahnsinn?“ frage ich neidisch. „Och, ich puste schon lange nicht mehr aus. Entweder kaufe ich fertig ausgeblasene Eier auf dem Markt oder ich gebe den Kindern diese Gips-Eier aus dem Supermarkt.“ Ich könnte sie knutschen, diese Frau! Mein nächstes Osterfest ist gerettet! Der Eierwahnsinn wird nachlassen!
Bild: © Kyu Oh für istockphoto.com
Die Redaktion der liliput-lounge wünscht allen Leserinnen und Lesern ein wunderschönes Osterfest!
Lesen Sie auch:
Oster-Wahnsinn 2009
Der Mamagei
Basteln mit Kleinkindern
Warum Kinder haben toll ist
Familienrituale
Erziehung mit Fantasie