„Ich fand es schon arg schlimm, dass alle meine Freundinnen ständig meinen Babybauch anfassen wollten. Jetzt habe ich zwei Kinder und kann nur sagen: Das wird immer schlimmer. Scheinbar stehe ich mit meiner Meinung allein. Mein Mann versteht mich auch nicht, aber ich finde wirklich, dass kein Fremder und auch kein Bekannter einfach so meine Kinder anfassen darf. Scheinbar scheint jeder zu finden, dass kleine Menschen Freiwild sind. Jeder findet sie niedlich und darf sie dann einfach antatschen.
Meine Tochter ist jetzt ein Jahr alt und hat gerade ein Brüderchen bekommen. Wenn ich mit den beiden in der Geschwisterkarre unterwegs bin, höre ich ständig Kommentare. Wie niedlich. Ist das nicht viel Arbeit? Und selten doof: Sind das Zwillinge? Und immer werden die Hände ausgefahren, streicheln die zarte Wange meines Neugeborenen oder die blonden Locken meiner Tochter.
Ich wehre mich gegen die Grapscher. Entweder unterbinde ich die Versuche mit bösen Blicken oder mit direkten Kommentaren. Gerade neulich war wieder eine Dame besonders hartnäckig. „Du du du“ flötete sie. „Bitte fassen Sie meine Kinder nicht an“, erklärte ich höflich. „Ach, das muss ich einfach, die sind so goldig.“ „Und woher weiß ich, dass Sie sich nach dem letzten WC-Besuch auch die Hände gewaschen haben?“. Treffer versenkt. Beleidigt zog die Möchtegerngrapscherin ab.
Wieso muss ich mich eigentlich für eine Selbstverständlichkeit rechtfertigen? Wenn ich nicht will, dass meine Kinder angepackt werden und fremden Keimen ausgesetzt werden, muss ich mich anmachen lassen. Unfreundlich sei ich. „Ihre schlechte Erziehung wirkt sich hoffentlich nicht auf die Kleinen aus“, musste ich mir anhören. Und mein Mann wurde von Nachbarn schon darauf angesprochen, ob ich „ein Problem hätte“. Ja. Habe ich.
Es gibt nämlich noch einen guten Grund, warum ich möchte, dass die Intimsphäre meiner Kinder eingehalten wird. Ich finde, dass zuviel Nähe von Fremden schon an Missbrauch grenzen kann. Denn Kinder können sich nicht wehren. Und ich möchte nicht, dass sich meine Kinder überfallen fühlen. Noch muss ich für sie sprechen. Ich selbst fand es als Kind so schrecklich, wenn mich Tanten mit Küssen überfielen. Man zog an meinem Haar, kniff mich in die Wange und ich sollte das toll finden. Ehrlich gesagt mag ich es bis heute nicht sonderlich, von Anderen angefasst zu werden. Die Bussi-Bussi Fraktion ist mir zuwider. Umarmen darf mich nur jemand, den ich wirklich mag.
Und ich finde, auch Kinder haben das Recht zu bestimmen, wer sie anfasst. Auch kleine Menschen dürfen „Nein“ sagen – und als Mutter muss ich dieses Recht meiner Kleinkinder konsequent einfordern. Und Übergriffe verhindern.
Wenn der Preis dafür ist, dass die Nachbarschaft mich für problematisch hält. Bitteschön.
Ähnlich sehe ich es auch übrigens bei den diversen Leckerlis, die meine Große ständig angeboten bekommt. „Möchtest du ein Würstchen?“ fragt die Metzgerin. Und beim Bäcker gibt es einen Keks. Kein Laden ohne kleines Schmankerl. Ich möchte das nicht. Noch schlimmer finde ich, wenn ich meinem Kind an der Kasse die Schokolade verweigere und ein dufter Gutmensch plötzlich meiner Tochter einen braunen Riegel unter die Nase hält: „Weil du so niedlich geguckt hast, schenkt der Onkel dir jetzt etwas.“ Nein. Das geht gar nicht.
Ich lebe doch nicht in einem Streichelzoo. Vermutlich muss ich bald ein Schild an die Karre hängen: „Füttern und Anfassen verboten!“
Protokoll: Silke R. Plagge
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