Weinen in der Schwangerschaft

Ganz nahe am Wasser gebaut? Viele Schwangere brechen scheinbar aus heiterem Himmel in Tränen aus, sind ganz furchtbar gerührt oder heulen vor Wut. Gefühlsausbrüche in der Schwangerschaft normal – oder ein Grund zur Sorge? Wie sagen Experten?

Es kam völlig unerwartet. Anne fing heftig an zu weinen. „Jetzt ist der ganze Stoff ruiniert“, schniefte sie. Sie war gerade dabei, Gardinen für das Babyzimmer zu nähen. Anne und Tränen? Diese Powerfrau hatte ich noch nie weinen sehen. Die gestandene Architektin, die locker ein Haus für eine Weltfirma baute und zig Männer herumkommandierte. Und nun ein Heulkrampf wegen ein bisschen Stoff? „Das sind wohl die Schwangerschaftshormone, ich kann mich immer gleich so aufregen“, sagte sie. Verstehen konnte ich Anne nicht wirklich. Denn die Naht war nur ein wenig schief, mehr nicht.

Frau weint, schwanger

Tränen in der Schwangerschaft (© Thinkstock)

Ein paar Jahre später allerdings fiel mir diese Szene wieder ein. Als ich weinend im Supermarkt stand, weil die Sahne ausverkauft war. Ich hatte mich so auf frische Erdbeeren mit Rahm gefreut und nun das. Das war so ungerecht und so gemein! Die Tränen liefen mir runter. Überhaupt hatte ich nah am Wasser gebaut. Dramen konnte ich im Fernsehen kaum ertragen. Als ich zum ersten Mal ein Babymützchen gekauft habe, war ich unendlich gerührt. So etwas kenne ich von mir gar nicht.

Aber auch andere Freundinnen berichten von Schwangerschaftstränen. Von Liedern, deren Texte Weinkrämpfe auslösen, von Rührung über ein Babyfoto und vom heftigen Wuttränen, weil der Göttergatte die falschen Brötchen mitgebracht hat.

Tränen in der Schwangerschaft sind kein Grund zur Sorge

Eine Schwangerschaft führt bei einigen Frauen zu gesteigerter Emotionalität. Gefühlsgeladene Achterbahnfahrten von strahlendem Glück zu plötzlich tiefer Trauer sind bei werdenden Müttern ganz normal. Dies liegt vor allem am Hormonhaushalt, der besonders zu Beginn der Schwangerschaft verrückt spielt.

Dass Gefühle in der Schwangerschaft ganz wichtig sind, liegt nah. Zukunftssorgen, Überforderung und anstrengende Beschwerden wie bleierne Müdigkeit oder ständiges Unwohlsein belasten viele Mütter. Oft ist dann eben eine verrutsche Naht einfach der Tropfen zu viel, der das Fass zum überlaufen bringt.

Weinen – warum eigentlich?

Wie genau sind menschliche Tränen zusammengesetzt und was bewirkten sie im Körper? Das wollten William H. Frey und Vincent Tuason vom St. Paul-Ramsey Medical Center im US-Bundesstaat Minnesota wissen.

Körpereigene Substanzen, die sich bei Stress oder starken Emotionen in unserem Körper ansammeln können, werden über die Tränendrüsen ausgeschieden. Für ihre Studie mussten 200 Männer und Frauen monatelang weinen. Peinlich genau wurde jede vergossene Träne aufgezeichnet. Dabei stellte sich heraus, dass nur 55 Prozent aller Männer einmal im Monat weinen, jedoch 94 Prozent der Frauen.

Besonders interessant fanden die Experten die Zusammensetzung der verweinten Tränen: Leuzin-Enkophalin, Lysozyme und Prolactin war in ihnen enthalten. Leuzin-E. ähnelt dem Schmerzhemmer Morphium – der Köper produziert diese Stoff selbst. Lysozyme sind antibakterielle Enzyme, die für die Infektionsabwehr benötigt werden. Und Prolactin ist ein das Hormon, das die Bildung von Muttermilch anregt.

Da bei Schwangeren das Hormon Prolactin vermehrt gebildet wird, erklärt dies wahrscheinlich auch, warum sie so nahe am Wasser gebaut haben.

Die Forscher der US-Studie konnten herausfinden, dass das Weinen den Körper von Stoffen befreit, die er unter Stress produziert. Der körperliche Heul-Effekt dient nach der These der Wissenschaftler damit unbewusst zur Entspannung oder Schmerzlinderung.

Vielleicht hat sich die Natur etwas dabei gedacht, dass werdende Mütter so ein Ventil haben, um nicht in eine Stress-Spirale zu geraten?

Generell sind können Frauen – auch wenn sie nicht schwanger sind – ihren Gefühlen leichter Luft machen. Augenärzte der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft in München bewiesen, dass Männer bis zu 17-mal im Jahr weinen, bei Frauen laufen bis zu 64-mal im Jahr die Tränen. Das heißt also bis zu viermal öfter. Das Interessante daran ist laut den Forschern aber, dass das Weinen nur bei sechs Prozent der Männer zu richtigen Schluchzern wird, 65 Prozent der Frauen aber geradezu heulen würden. Elisabeth Messmer, Augenärztin an der Universität München, erklärt: „Weibliches Weinen wirkt länger, dramatischer und herzzerreißender”.

Denn Tränen, so der Evolutionsbiologe Oren Hasson von der Universität Tel Aviv in der Zeitschrift “Evolutionary Psychology”, beeinflussen unser Gegenüber. Wer weine, signalisierte Verletzlichkeit und Hilfsbedürftigkeit. Und das wiederum stärke zwischenmenschliche Bindungen.

Vielleicht ist es aber auch eine Mischung aus allem. Die Tränen der werdenden Mütter helfen sicher Stress abzubauen, bewirken aber gleichzeitig Zuwendung und Trost.

Auf jeden Fall versiegt der enorme Tränenfluss auch wieder. Spätestens mit dem Ende der Stillzeit haben sich die Hormone wieder umgestellt – und die Heul-Attacken reduzieren sich wieder auf das gewohnte Maß zurück. Das ist hoffentlich ein Trost.

Wir sind neugierig auf Kommentare: Hatten oder haben Sie in der Schwangerschaft auch nahe am Wasser gebaut? Was hat Sie zum Weinen gebracht?

 

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