Vor 150 Jahren versteckten Frauen ihre Schwangerschaft, man sprach schamhaft von "anderen Umständen". Heute werden pralle Babybäuch stolz präsentiert. Angelina, Heidi und andere Promis leben es vor. Warum ist eine Schwangerschaft jetzt so etwas besonderes? Vielleicht weil es immer weniger Kinder gibt? Heike ist in der 38. Schwangerschaftswoche und ist oft genervt vom "öffentlichen Bauch", wie sie sagt. "Keine Ahnung, ob es an den Promis liegt, aber ich finde es echt nervig, dass mich alle auf die Schwangerschaft ansprechen. Ich habe das Gefühl gar nicht mehr als Person, sondern nur noch als Schwangere wahrgenommen zu werden."
Bauch anfassen? Eine Grenzüberschreitung
So geht es nicht nur Heike. Ist eine Frau schwanger, bekommt sie plötzlich ungefragt von allen Seiten kluge Ratschläge, fiese Horrorgeschichten, unsinnige Kommentare, und oft wird auch noch der Bauch gestreichelt. "Ich finde das ganz schlimm," meint Heike. "Wer bitte hat denn das Recht, einfach meinen Bauch anzufassen? Das würde doch auch keiner machen, wenn ich keinen Babybauch hätte. Das ist eine totale Grenzüberschreitung."
"So eine Kugel fasziniert und verleitet viele, sie zu berühren, schließlich trägt die Frau da eine sehr wertvolle Fracht mit sich herum", erklärt die Buchautorin Birgit Gebauer-Sesterhenn. So viel Verständnis zeigt die Kommunikationstrainerin Elisabeth Bonneau nicht. Sie sagt: "Einen Menschen ungefragt anzufassen und dann auch noch an den Bauch, ist eine fast nicht zu entschuldigende Distanzlosigkeit." Sicher, böse meinen es die Anderen nicht, aber genervte Schwangere sollten sich Abwehrstrategien überlegen.
Was hilft? Oft genügt nonverbales Blocken: Ein Schritt zurück, die Hand auf den eigenen Bauch legen, das signalisiert ganz klar: Bitte nicht anfassen. Notfalls sind auch klare Worte, ein "Nein, ich möchte nicht angefasst werden," wichtig und richtig.
Horrorgeschichten und tolle kluge Ratschläge
Doch noch etwas strapaziert die Nerven von Schwangeren: schlimme Geschichten und kluge Ratschläge. Von der Plazenta, die sich bei der nicht gelöst hat, bis zur Horrorgeburt, die 48 Stunden dauert. Genau solche Berichte, möchten Frauen, die sich auf ihr Baby freuen, wirklich nicht hören. Auch die besorgten Mitmenschen, die immer gleich Übles befürchten, sind sehr anstrengend. "Ach, hmm. Du bist in der 17. Schwangerschaftwoche und hast das Kind noch nicht gespürt. Also das hört sich nicht gut. Würd ich mal zum Arzt gehen. Also eine Bekannte von mir, bei der war das ja so..." und schon folgt die Gruselstory. Hier sollte man den Erzählfluss ruhig unterbrechen, darf sagen "Ich möchte das jetzt nicht hören." Birgit Gebauer-Sesterhenn unterstreicht das Recht jeder Schwangeren, sich nichts von anderen einreden zu lassen: "Jede Frau erlebt ihre Schwangerschaft sehr individuell und sollte daher in allererster Linie auf sich und ihren Körper hören", sagt sie.
"Mich nervt vor allem, dass ich das Gefühl habe, dass ich wie ein Kind behandelt werde, nur weil ich eines bekomme," schimpft Anne. Der Mann nimmt ihr ungefragt Taschen ab "Du sollst doch nicht schwer tragen." Freunde erklären beim Grillen, sie dürfe bestimmte Salate und Fisch nicht essen. "Ich kann da schon ganz gut selbst darauf achten, ich fühle mich in solchen Situationen entmündigt." Die Schwiegermutter zwingt der Schwangeren zwei Liter Multivitaminsaft auf und die gute Freundin rät dringend zu einer Brustmassage, denn mit kleinen Brüsten könne man nicht stillen... Da hilft auch nur die Flucht nach vorn. Am besten die Gutmenschen freundlich anlächeln und erklären, dass man sich schon informiert habe.
Kommentare zum Gewicht will keine Schwangere wirklich hören
In der Disziplin "Schwangere nerven" sind auch jene besonders gut, die das Aussehen der werdenden Mütter ständig kommentieren. Und nicht etwa in dem Sinne von: "Hey, deine Haare glänzen aber schön." Heike und Anne berichten beide von den Gewichtskritikern die ihnen gehörig auf die Nerven fallen. "Boa, du bist aber dick geworden, jetzt geht es aber jeden Moment los?" Dumm nur, dass noch drei Monate Schwangerschaft übrig sind. Heike "Ein Arbeitskollege meines Mannes erklärte mir, ich würde sicher bald platzten. Und dann sagte er noch, dass ich bestimmt mindestens 25 Kilo zugenommen habe. Eine Frechheit." Denn bei einer Nicht-Schwangeren würde keiner so etwas sagen. Charmant ist es nun wirklich nicht. Klar, auch der Ton macht die Musik, aber auch hier hilft eine gewisse Gegenwehr, wenn das ständige Ansprechen auf die Extrakilos nervt. Auf ein "Ist dein Bauch aber dick geworden," einfach mit einem Lächeln antworten oder mit einem "Ja klar, schön, oder?" Da fällt dem Gegenüber meist nichts mehr ein.
Eines haben all diese Nervereien gemeinsam. Sie trainieren die werdende Mutter. Denn schiebt man erst einmal ein Neugeborenes im Kinderwagen durch die Gegend, muss man sich erst Recht vor seinen Mitmenschen in Acht nehmen: "Plötzlich kommen wildfremde Menschen, greifen in den Kinderwagen und streicheln ungefragt den schlafenden Säugling", sagt Birgit Gebauer-Sesterhenn. Horrorgeschichten und besonders kluge Ratschläge zum Thema Baby kommen auf frischgebackene Eltern auch noch zu - da lohnt es sich, schon vorher Verteidigungsstrategien erprobt zu haben.
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