Ina (32):
„ Am 3. März wäre meine Tochter Julia vier Jahre alt geworden. So nenne ich sie jedenfalls. Denn Julia durfte nicht leben. Ich konnte mich damals nicht anders entscheiden. Ich habe immer noch Schwierigkeiten, mit dieser Entscheidung zu leben.
Vor fünf Jahren hatte ich gerade meinen Traumjob als Fotoredakteurin bei einer Redaktion in München angetreten. Meine Eltern waren weit weg in Kiel und ich fühlte mich oft sehr einsam. Doch dann lernte ich Jon kennen. Die Zeit mit ihm war leidenschaftlich. Aber ich merkte, dass er mich immer mehr unter Druck setzte. Er vereinnahmte mich, wollte, dass ich nur für ihn lebe. Das konnte ich nicht. Gleichzeitig wurde es in der Arbeit immer schwieriger. Ständig rief mich mein Freund in der Redaktion an. Ich musste mir immer mehr Ausreden einfallen lassen, um früher zu gehen, denn Jon wartete auf mich.
Ich fühlte mich immer mehr mit dem Rücken an der Wand. Mein Chef war ständig unzufrieden, Jon war eifersüchtig auf meinen Job, meine Freunde und ich hatte das Gefühl nichts mehr richtig zu machen. Nach einem wahnsinnigen Streit, in dem er mich richtig bedrohte, musste ich es wie ein Fuchs in der Falle machen: mir selbst sozusagen ein Bein abbeißen. Ich kündigte den Job, packte meine Sachen und floh in einer Nacht und Nebelaktion in den hohen Norden.
Ich bin bei einer Freundin in Hamburg unterkommen, so dass mich mein Ex nicht finden konnte. Sie half mir sogar, schnell wieder einen freiberuflichen Auftrag zu bekommen. Alles schien gut. Nur mit meinem Körper stimmte etwas nicht. Ich ging zum Frauenarzt. Schwanger. In der 9. Schwangerschaftswoche. Das Ultraschallbild wollte ich nicht mitnehmen. Ich war zu geschockt.
Zurück in mein altes Leben konnte ich nicht. Jon wollte ich nie wiedersehen. Als ich meinen Eltern von der Schwangerschaft erzählte, erklärten die mir nur, dass sie mich nicht unterstützen würden. Ich sollte erst richtig arbeiten und einen guten Mann finden. Kinder hätten noch Zeit. Das dachte ich auch. Allein wollte und konnte ich das alles nicht schaffen. Ich entschied mich gegen das Baby.
Und heute? Seit zwei Jahren habe ich einen neuen Freund. Er ist wirklich wunderbar und wir wollen gemeinsam eine Familie haben. Doch je konkreter seine Familienplanung wurde, umso mehr Angst bekam ich. Darf ich mich jetzt einfach so für ein Kind entscheiden? Hätte ich das damals nicht vielleicht doch geschafft?
Es dauerte mit dem Schwangerwerden. Und ich gab mir die Schuld daran. Denn irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ich mich generell gegen Kinder entschieden hätte. Hilfe fand ich dann in einem Internetforum. Ich habe mich meinem Sternenkind einen langen Brief geschrieben. Und ihm einen Namen gegeben. Ich habe angefangen, um das Baby zu traueren. Der erste Schritt war, dass ich meinem Freund überhaupt davon erzählt habe. Natürlich war er erschüttert. Aber nicht entsetzt.
Und dann geschah das Wunder. Ich wurde wieder schwanger. Doch statt mich zu freuen, war ich wie gelähmt. Nach dem ersten Ultraschall heulte ich furchtbar. Zu sehr hat es mich an die erste Schwangerschaft erinnert. Doch dieses Mal nahm ich das Bild mit.
Die ersten Wochen waren am schlimmsten. Ich hatte ständig Angst, dass etwas passiert. Jetzt bin ich in der 34. SSW und die Angst ist noch immer da. Darf ich wirklich ein gesundes Baby im Arm halten? Habe ich mir das Glück wirklich verdient? Ich möchte so gern, dass alles gut wird."
Protokoll: Silke R. Plagge
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Im Jahr 2008 wurden laut statistischem Bundesamt 114.500 Schwangerschaften unterbrochen. Gut drei Prozent der Schwangerschaftsabrüche fand aus medizinischen Gründen statt. Die 97 Prozent der anderen Abtreibungen hat einen anderen Hintergrund. Leicht machen es sich die Betroffenen fast nie. Immer ist auch ein intensives Beratungsgespräch vor dem Abbruch Voraussetzung.
Vielen Frauen halten die Entscheidung später zwar immer noch für richtig, es fällt aber oft nicht leicht, die Erfahrung zu verarbeiten. Erst Recht, wenn das Thema Kinderwunsch oder Schwangerschaft wieder aktuell wird. Dann brechen alte Wunden wieder auf. Hilfe finden Betroffene bei Selbsthilfegruppen. |
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