„Irgendwie fühlte ich mich schon befreit. Aber ich bekam immer noch so viele heftige Medikamente, da der Dauerschmerz noch da war.“ Die Ärzte waren sicher, dass der Schmerz nicht organisch war, doch das Schmerzgedächtnis kann leider lang anhalten. In der Reha sollte Karen daher behandelt werden. „Ich war froh über diese Auszeit. Mir ging es einfach gar nicht gut. Ich habe permanent gefroren, die Schmerzen waren immer da und ich wollte, dass sich meine Lebenssituation ändert.“
Auch mit ihrem Freund ist Karen unglücklich. „Wir waren noch nicht lange zusammen, aber ich merkte, dass er mir nicht gut tat. “ Kurz vor dem mehrwöchigen Klinikaufenthalt kommt es wieder zu einem heftigen Streit. Karen zieht einen Schlusstrich und beendet die Beziehung.
Die ersten Wochen in der Reha-Klinik sind nicht einfach. Karen bekommt neue Medikamente verschrieben, wieder Schmerzmittel auf Morphinbasis und Anti-Depressiva. „Ich war ständig müde und hatte massive Kreislaufprobleme.“
Der Schwangerschaftstest war eindeutig positiv
„Dann fiel mir auf, dass ich ewig meine Periode nicht mehr hatte. Das kannte ich ja schon. Trotzdem hatte ich an einem Samstag die spontane Idee, einen Schwangerschaftstest zu machen, als ich bei einem Spaziergang so einen in der Drogerie sah.“ Zwei Stunden ist Karen geschockt. „Der Test war so etwas von eindeutig positiv. Ich war wie erstarrt. Das kann jetzt doch nicht wahr sein?“
Karen geht ins Schwesternzimmer. Teilt mit, dass sie ab sofort keine Medikamente mehr nehmen möchte. „Die haben sich alle für mich gefreut und ich bekam gleich einen Termin beim Arzt.“ Karens Gedanken rasen. Kopfkino pur. Denn Karen mochte schon immer gern Kinder, hat ein enges Verhältnis zu ihren Neffen und Nichten und hat lange Jahre gern in einem Kindergarten gearbeitet. „Aber irgendwie habe ich mir nie einen Kinderwunsch eingestanden. Ich dachte immer, dass es ja nicht geht und ich auch nicht den richtigen Partner habe. Und ich hatte Angst vor der Verantwortung“, sagt Karen leise.
Neugier, vorsichtige Freude und vor allem Angst
Am Montag wird Karen von einem Frauenarzt untersucht. Der bestätigt die Schwangerschaft. Karen ist in der 8. Schwangerschaftswoche. „Da war auch Neugierde und eine ganz vorsichtige Freude. Aber vor allem hatte ich Angst. Ich wusste nicht, wie das Leben weitergehen sollte. Ich hatte zwar einen neuen Job in Aussicht. Aber mit Kind? Wie sollte ich das schaffen!? Aber viel schlimmer war die Angst um das Kind. Ich hatte doch so schwere Schmerzmittel genommen. Ob das Kind krank werden würde?“ Karen hatte lange Jahre mit Behinderten gearbeitet. „Eine Abtreibung kam für mich nicht in Frage. Aber trotzdem befürchte ich das Schlimmste.“
Da der Magenbypass den Stoffwechsel beeinflusst, verordnen die Ärzte Karen zusätzliche Nährstoffe wie Eisen. Alle anderen Mittel setzt Karen ab. Fünf weitere Wochen bleibt Karen in der Klinik. „Mir ging es wirklich toll. Ich hatte ganz plötzlich keine Schmerzen mehr, kein Sodbrennen, keine Übelkeit. Ich fühlte mich stark und gut. Nur die Sorge um das Kind machte mir zu schaffen.“
Als sie wieder zu Hause in Hamburg ist, wird Karen in ein Prädiagnostik-Zentrum geschickt. „Es sah alles sehr gut aus. Ihre Tochter ist eine Kämpferin, die ist stark, wenn sie so gut durchgesetzt hat,“ erklärt der Spezialist. Karen ist ein bisschen beruhigt. Aber nicht ganz. „Ich wusste, dass ich die Kleine so oder so annehme, aber ich war nervlich schon angeschlagen. Denn ich habe befürchtet, dass sie vielleicht keine sichtbaren körperlichen, sondern geistige Behinderungen haben könnte. Das waren so viele Medikamente!“
Der werdende Vater freut sich auf das Kind. Er will Karen zurückgewinnen. Aber für ihre Ängste hat er kein Verständnis. Für die werdende Mutter ist das ein deutliches Signal, dass sie sich ein Zusammenleben nicht vorstellen kann.
Karen tritt ihren neuen Job an. „Ich war so voller Energie, je mehr ich machte, desto weniger hatte ich Zeit zum Grübeln.“ Karen renoviert ihre gesamte Wohnung, lässt Laminat verlegen und fühlt sich bis zur Geburt körperlich fit wie lange nicht.
Die ersten Monate waren schwer
Im Februar 2008 wird Amina geboren. Sie ist 42 Zentimeter groß, wog 3420 Gramm und hat wunderbare schwarze Haare. Eine einfache, unkomplizierte Geburt.
Die ersten Monate werden allerdings nicht so leicht. „ Am Anfang habe ich immer gedacht, ich mache so viel falsch“, erzählt Karen. Amina schrie viel, schlief schlecht und überstreckt sich oft.
Karen erhält einen Brief vom Prädiagnostikzentrum. Es sei möglich, dass das Neugeborene nach der Geburt einen Medikamentenentzug machen müsse. Der Kinderarzt hatte allerdings nichts Auffälliges festgestellt. Die Hebamme vermutet hingegen, dass Aminas anfängliche Unruhe mit den Medikamenten in den ersten Schwangerschaftswochen zusammenhängt.

Ganz vorsichtig beginnt Karen ihre kleine Tochter täglich mehr zu genießen. Mutter und Kind werden beide entspannter. „Als ich merkte wie aufmerksam meine Tochter war, wie gern sie andere Menschen anguckte und wie neugierig sie aus dem Kinderwagen in die Welt blickte, da merkte ich, dass sie wirklich fit ist.“
Und heute? Mittlerweile ist Amina eine quirlige fröhliche Dreijährige, die gerne in den Kindergarten geht und mit ihrer Mutter die Welt entdeckt. „Sie ist wirklich klug, pfiffig und fragt einem Löcher in den Bauch. Dafür bin ich so dankbar“, sagt Karen und lacht glücklich.
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