So ziemlich genau vor sechs Jahren wachte ich jeden Morgen auf. Ist heute der Tag? Werde ich ab heute Mutter? Das Ziepen da – ist das eine Wehe? Am 20. Januar war der errechnete Geburtstermin meines ersten Kindes. Die Aufregung wuchs. Der Bauch nicht mehr, denn das hätte sicher bedeutet, dass er platzt. Ich konnte weder sitzen, liegen noch stehen und wartete. Doch am 20. Januar passierte: Nichts.
Kein Wunder, denn am Tag der errechneten Geburt werden tatsächlich nur vier Prozent der neuen Erdenbürger geboren. Die meisten Babys sind brav - rund 90 Prozent aller Kinder werden zwischen der vollendeter 37. Schwangerschaftswoche und der vollendeten 42. Woche geboren. Etwa neun Prozent sind Frühgeburten und wirklich erst nach der 42. Woche werden nur ein Prozent geboren. Auch meine Tochter hatte sich der Mehrheit angeschlossen. Sie wurde am 24. Januar geboren - nach drei sehr, sehr langen Wartetagen und fast zwei Tagen voller Wehen.
Für werdende Mütter ist in den letzten Schwangerschaftswochen jeder Tag anstrengend. Je näher der Stichtag rückt, desto größer die Aufregung. Wie mir geht es den meisten Frauen: ab der 37. SSW möchten sie endlich nicht mehr einen schweren Bauch, sondern ihr Baby zu tragen.
Doch leider ist der errechnete Termin nun einmal nur eine Zahl. Frauenärzte ermitteln ihn, in dem sie dem sie vom letzten Tag der Periode ausgehend 280 Tage dazu zählen. Diese sogenannte Nägele-Regel funktioniert aber nur richtig, wenn die Menstruation sehr regelmäßig ist und der Eisprung immer in der Mitte des Zyklus liegt. Doch das ist wirklich nicht bei jeder Frau der Fall, daher ist dies bloß eine Schätzung. Zuverlässiger sind Termine, die anhand der frühen Ultraschalluntersuchungen errechnet werden.
Bestens überwacht
Wenn der errechnete Geburtstermin verstreicht, ohne dass die Geburt sich auch nur im geringsten abzeichnet, wird die Überwachung durch den Frauenarzt und die Hebamme engmaschiger. Alle zwei Tage wird die Schwangere untersucht. Es wird geprüft, wie gut es Mutter und Kind geht, ob das Baby noch ausreichend versorgt wird und beobachtet, ob bei der Mutter Zeichen einer Gestose vorliegen könnten.
Das Fruchtwasser, die Herztöne und die Bewegungen des Kindes zeigen den Fachleuten, wie gut die Versorgung ist. Auch Hormone im mütterlichen Urin weisen darauf hin, ob die Plazenta noch gut funktioniert.
Wenn es Mutter und Baby gut geht, besteht auch nach dem errechneten Geburtstermin zunächst kein Risiko für das Kind. Häufig ist es so, das der Termin schlichtweg falsch ausgerechnet war – manchmal lässt sich ein Kind auch einfach mehr Zeit.
Je länger die Übertragung dauert, desto höher ist jedoch das Risiko, dass die Plazenta das Kind nicht mehr ausreichend versogen kann, dass das Fruchtwasser zu wenig wird oder dass sich innerhalb der Gebärmutter Infektionen bilden. Auch für die Mutter wird die Geburt komplizierter, wenn das Baby zu groß ist. Daher ist es Deutschland üblich, nach der vollendeten 41. Schwangerschaftswoche die Geburt medizinisch einzuleiten – die Quote liegt bei 10 bis 15 Prozent.
Alternative Methoden zur Geburtseinleitung
Wer die Geburt zunächst nicht medizinisch einleiten möchte, hat Alternativen. Allerdings sollten diese erst eine Woche nach dem errechneten Termin probiert werden, so Hebammen. Generell sollte auch „sanfte“ Methoden mit dem Frauenarzt oder der Hebamme besprochen werden, denn wenn der Muttermund noch nicht reif genug ist, dann könnten sich Mutter und Kind eventuell unnötig stressen.
Um den Muttermund weicher zu machen, wird Himbeerblättertee empfohlen und ein Nelkenöl-Tampon. Dafür wird Sonnenblumenöl mit fünf bis sechs Tropfen Nelkenöl vermengt und auf einen Tampon geträufelt. Auch eine Aromatherapie mit bestimmten ätherischen Ölen wie Nelke, Zimt, Eisenkraut und Ingwer ist eine alternative Möglichkeit der Wehenförderung. Die Öle können bei einer Massage, auf einer Kompresse oder als Badezusatz verwendet werden.
Ein langer Spaziergang, treppensteigen oder fröhliches Tanzen können ebenfalls viel bewirken: „Bei Frauen, die bereits Kinder bekommen haben, kann Bewegung die Geburt beschleunigen“, erklärt Achim Wöckel, Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe an der Universitätsfrauenklinik in Ulm. Denn auch die Schwerkraft kann bewirken, dass das kindliche Köpfchen ins Becken rutscht – und das löst Wehen aus. Wichtig: Nicht alleine spazierengehen und nicht beim Bewegen überanstrengen
Eine Schwangerschaft kann auch so enden, wie sie begonnen hat: mit Sex. Denn die Samenflüssigkeit enthält das Hormon Prostaglandin, das den Muttermund weich macht. Eine sanfte Stimulation der Brustwarzen regt die Muskulatur der Gebärmutter an und kann Wehen auslösen.
Auch Kräutermischungen und homöopathische Mittel können helfen, hier sollte aber auf jeden Fall Rücksprache mit dem Arzt oder der Hebamme gehalten werden. Ein Rezept der Hebamme Ingeborg Stadelmann: Ein Gewürzaufguss aus 1 Liter Wasser, einer Stange Zimt, 10 Nelken, einer kleinen Ingwerwurzel und 1 EL Verbenentee den ganzen Tag lauwarm schluckweise sich nehmen.
Oft liest man als Empfehlung auch, eine Mischung aus Alkohol, Saft und Rizinusöl zu trinken. Doch das wirkt nicht nur auf den Darm, sondern auch sehr stark auf die Gebärmutter und kann daher gefährlich werden! Rizinusöl sollte auf keinen Fall im Selbstversuch getrunken werden.
Interessanterweise sind tatsächlich viele alternative Methoden zur Geburtseinleitung erfolgreich. Vor allem, wenn die werdende Mutter das Gefühl hat, dass sie selbstbestimmt in einer vertrauten Umgebung handelt.
Meine Tochter jedenfalls lockte ein Spaziergang in der Januarkälte. Damit entging ich dem Einleiten der Geburt...
Dowswell T, Kelly AJ, Livio S, Norman JE, Alfirevic Z. Different methods for the induction of labour in outpatient settings. Cochrane Database of Systematic Reviews 2010, Issue 8. Art. No.: CD007701. DOI: 10.1002/14651858.CD007701.pub2
Bild: © Olena Kucherenk für istock.com
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