Andrea* (32):
"Gestern abend habe ich einen Heulkrampf vor dem Fernseher bekommen. Zur Geburt meiner Tochter Pauline habe ich die DVD "Little Children" bekommen. Ich sah mir nun endlich den Film an. Und jetzt ist mir klar: Ich bin nicht allein. Im Film geht es um eine junge Mutter, die eben nicht so ist wie die anderen Mütter. Ehrlich gesagt, ich will hier nicht vom Fernsehen sprechen. Sondern eben von diesem Gefühl. Denn jetzt habe ich den Mut, es zuzugeben.
Pauline ist jetzt sechs Monate alt. Sie ist ein Wunschkind. Lieb und unkompliziert. Diese ganzen Probleme wie Koliken, Schreiattacken - mein kleiner Pummel kennt das nicht. Bis vor einem Monat habe ich Linchen voll gestillt und nun schlabbert sie schon begeistert den Breilöffel ab. Sie schläft viel. Und meckert wenig. Mein Mann kommt jeden Abend gegen 18 Uhr nach Hause und übernimmt sie auch. Um 20 Uhr schläft die Kleine.
Alles schön. Wo jetzt mein Problem ist? Ich langweile mich. Unendlich. Mir reicht das alles irgendwie nicht. Im momentan eiskalten Norddeutschland fahre ich vormittags kurz mit dem Kinderwagen zum Einkaufen, vorher die Kleine wickeln, cremen, einpacken, aufs Schafsfell legen. Dann mittags ein Breiglas aufwärmen, füttern. Nachmittags putzen, Baby bespielen.
Ich war auch bei einer Pekip- Gruppe - das war schrecklich. Ehrlich, da sitzen zehn erwachsene Frauen im Kreis, singen Babylieder und wedeln mit den Händen. Den lieben Kindern ist das meist so egal. Damit hätte ich ja notfalls noch klar kommen können, aber diese Gespräche! Es ging nur um Auscheidungen aus Babys Wonnepopo, Füttern, welcher Brei nun der Beste sei und und und. Einmal habe ich eine der Frauen gefragt, welches Buch sie gerade liest. Ich hätte genauso gut danach fragen können, wie die Relativitätstherorie erklärt wird. So ein völlig leerer Blick.
Beim Babyturnen das gleiche. Die Muttis singen, lassen die Kleinen hinter einem Ball herrobben oder versuchen sie dazu zu bekommen sich mal umzudrehen. Und dann wird verglichen. Meiner kann schon. Deine macht aber. Warum Paulinchen schon anfängt, den Po hochzuheben und im Vierfüsslerstand eifrig wackelt? Keine Ahnung. Ich freue mich auch, dass ihre Enwticklung weit vorangeschritten ist. Aber ich kann mich nicht stundenlang darüber unterhalten.
Keine meiner Freundinnen oder ehemaligen Kolleginnen hat schon Kinder. Wenn sie abends anrufen, was soll ich bitte erzählen? In den ersten drei Monaten fiel es mir noch nicht so auf, aber ich habe das Gefühl, dass ich ganz allein als einzige Außerirdische auf einem fremden Planeten names Mami- und-Baby gelandet bin. Nicht ganz allein, Pauline ist ja auch da. Aber mit den Einheimischen hier kann ich nichts anfangen.
Ich wollte zwei Jahre Erziehungszeit nehmen. Für meine Tochter. Nun frage ich mich manchmal, ob ich nicht wieder anfangen soll zu arbeiten. Ich möchte mich nicht nur als Muttertier fühlen. So schön das Babyglucksen ist und so sehr ich den Geruch von der zufriedenen schlafenden Pauline liebe - das allein soll jetzt mein Leben sein? Putzen, Po abwischen, Kinder-Entertainment, Einkaufen, Kochen und Gespräche über Pastinaken und Impfen?
Als ich versucht habe, meinem Mann zu erzählen, wie es mir geht, hat er mir vorgeschlagen, ich solle doch mal einen Termin bei einem Therapeuten machen. Vielleicht habe ich eine Postnatale Depression, sagte er. Und dann wollte er noch die Wäsche weiter falten und seinen Film angucken.
Nee - da täuscht er sich. Ich bin nicht depressiv. Ich bin nur so unendlich gelangweilt. So jetzt habe ich es offen ausgesprochen. Auch wenn es ein Tabu ist. Ich bin Mutter einer gesunden tollen kleinen Tochter - aber das allein reicht mir nicht zum Glücklichsein. Dass es immerhin einen Film gibt, in der es der Hauptfigur auch nicht reicht, auf dem Mami-Planeten zu sein, hat mich beruhigt.Vielleicht gibt es auch irgendwo im wahren Leben andere Frauen, denen es so geht wie mir? Oder bin ich wirklich eine Rabenmutter?"
Protokoll von Silke R. Plagge
Wir freuen uns auch über Ihre Elternerlebnisse, die vielleicht nicht dem Lehrbuch entsprechen, sondern dem turbulentem Alltagsleben. Wer uns unter Rabeneltern- Einsendungen ein Erlebnis oder ein Bekenntnis schickt, bekommt bei Veröffentlichung ein altersgemäßes Kinderbuchpaket!
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