Finley Farin - eine blutige Angelegenheit

Geburtsgeschichte Finley

Heute (Freitag, 3.7.2009) ist ein komischer Tag. Ich bin ja nun schon seit Sonntag im Krankenhaus und sollte heute bei der Visite erfahren, ob ich entlassen werde oder ob eingeleitet wird.
Mein lieber Sohn Finley, Deine Geburt war eine aufregende, langwierige und blutige Angelegenheit. So kamst Du zur Welt:
 
Es kam und kam keine Visite an diesem Tag. Schlafen ging auch nicht, erstens zu heiß und zweitens ich war zu aufgeregt, drittens habe ich mich im Zimmer gegenüber bei einer jungen Mutti verquatscht. Gegen 14 Uhr sprach ich eine Schwester an, wann die Visite komme, die meinte nur: "Bei Ihnen ist doch alles in Ordnung, da brauchen Sie doch keine Visite!"
 
Ich passte dann die Ärztin ab und fragte, was los ist. Sie meinte, da müsse sie sich erst mal kundig machen. Später kam sie und sagte, dass müsse der Oberarzt entscheiden und der stand bis eben noch im OP, sie wird aber gleich mit ihm sprechen. Um 16 Uhr kam er dann und hat gefragt, ob ich etwas gegen Einleiten hätte. Ich stimmte zu und er wollte mir gerade alles erklären, da klingelte sein Telefon. Mhm. Ich rief natürlich gleich Deinen Papa an und Deine Oma, denn sie passte auf Deine Schwestern auf, während Du kommst, damit Dein Papa dabei sein kann. Er wollte doch sooo gerne Deinen ersten Schrei miterleben. Dann holte mich die Hebamme ab zum CTG Schreiben. Als ich sie aufs Einleiten ansprach, wusste sie von nichts. Um 17 Uhr bekam ich dann aber meine erste Tablette (25 mg Misopostol).

Danach fingen auch gleich minimale Kontraktionen an. Ich bekam plötzlich starke Magenschmerzen und heftiges Sodbrennen. Als ich mich hinsetzte ging es aber wieder. Gut, vielleicht hing das auch gar nicht zusammen, denn ich habe ja schon seit Monaten Sodbrennen.

Dann kam die Ärztin und sagte, dass der Arzt mir ja alles erklärt habe, als ich sagte, dass er das gerade wollte, aber es noch nicht hat, meinte sie, dass das Risiko eines Kaiserschnittes viel höher sei. Ich bekam Angst und dachte: bloß kein Kaiserschnitt, bitte bloß kein Kaiserschnitt!

Ich fing an zu beten, dass alles gut gehen möge. Ich konnte die Nacht vor Aufregung kaum schlafen. Die Kontraktionen ließen leider wieder nach.

Am 4.7. um 7 Uhr früh wurde wieder CTG geschrieben und um 7.35 Uhr bekam ich eine 50 mg Tablette. Die hatte schon eine heftigere Wirkung. Leider ließ sie nach ein paar Stunden wieder nach. Dann waren zwar noch Kontraktionen da, aber nicht mehr so doll. Total gefreut hatte ich mich, als Deine Oma dann anrief und fragte ob sie nochmal hochkommen sollen. Wir aßen dann hier Mittag, dann wurde um 12.30 Uhr  das nächste CTG geschrieben und um 12.40 Uhr bekam ich wieder 50 mg. Die Wehen waren ganz gut. Nebenbei versuchte ich mich mit Vania etwas auszuruhen, als Deine Schwester wach wurde, sind wir zu McDdonald Milchshake trinken gefahren und ich hab bei Aldi ein paar Kleinigkeiten eingekauft. Darf gar keiner wissen, dass ich das Gelände verlassen hab. Die Wehen ließen leider wieder nach.

Um 16.40 Uhr wurde wieder CTG geschrieben und ich bekam um 16.50 Uhr 100 mg (2 Tabletten). Die hatten eine sehr gute Wirkung. Die Wirkung hielt auch an. Da bekam ich einen Anruf, dass deine Oma deinen Papa gleich vorbei bringt. Ich freute mich natürlich total. Wir liefen hin und her, dabei kamen die Wehen so ca. alle 3 Minuten. Kaum ruhte ich mich aus, wurden es weniger, also sind wir schön gelaufen. Um 21 Uhr sollte es dann weiter gehen, aber es wurde nur noch CTG geschrieben, da die Wehen ganz gut waren. Dann sollte ich gegen 23.30 Uhr noch einmal Tabletten bekommen. Das ging leider nicht, da Notfälle rein kamen und die Kreissääle voll waren. Papa durfte im Zimmer mit schlafen. Gleich wenn ich wach werde, sollte weiter gemacht werden. In der Nacht bin ich jede Stunde aufgewacht, aber ein Schlafmittel lehnte ich ab.

Am 5.7. kurz vor 6 Uhr morgens ging ich dann Bescheid sagen, dass wir gerne weiter machen können. Ich sollte schon die Gurte zum CTG schreiben anlegen, dann kam die ernüchternde Wahrheit: Wir konnten erst um 10 Uhr weiter machen, da schon wieder eine OP war und falls plötzlich etwas sein sollte, müssen ja auch alle zur Stelle sein können.

Dein Papa und ich gingen draußen spazieren, damit die Wehen weiter angeregt werden. Als wir hoch kamen hieß es, dass ich schon zweimal gesucht wurde. So wurde ab 9.55 Uhr wieder CTG geschrieben und um 10.15 Uhr bekam ich 50 mg, da ich ja Wehen hatte, sogar regelmäßig. Beim Pullern gegen 12.15 Uhr kam auch etwas Schleim mit Blut aus der Scheide. Endlich ein Zeichen, dass sich wenigstens etwas tut! Den ganzen Tag liefen Dein Papa und ich und liefen und liefen. Draußen war es auch am angenehmsten und während des Laufens hatte ich alle 5 Minuten Wehen. Nur zum CTG schreiben ab 12.30 Uhr ruhte ich meine Füße etwas aus, leider wurden die Wehen dabei auch wieder weniger. Dann wurde ab 15.00 Uhr wieder CTG geschrieben und um 15.15 Uhr bekam ich noch einmal 100 mg, dann hieß es immer noch: laufen, laufen, laufen. Gegen 19.40 Uhr wurde wieder CTG geschrieben, dann um 20.00 Uhr bekam ich nochmal 50 mg und ich wurde untersucht. Die Hebamme sah, dass leicht blutiger Schleim abging, aber es war nur ein Finger komplett bis zum Köpfchen durchschiebbar. "Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen!", kann ich dazu nur sagen...

Kontroll-CTG wurde wieder ab 21.30 geschrieben, davor hieß es immer noch: laufen, laufen und laufen. Nach dem CTG stand ich auf und es machte: Platsch! Die Fruchtblase ist geplatzt. Ich dachte nur: Hurra! Jetzt wird es endlich vorwärts gehen! Dein Papa und ich liefen den Flur hoch und runter, aber Pustekuchen: die Wehen wurden weniger, statt mehr.

Dann durfte ich mir einen Kreißsaal aussuchen, wir hatten Nr. 1. Am Tuch, das an der Decke befestigt war konnte ich gut die Wehen verpusten. Es kamen aber einfach zu wenig Wehen. Bei der Untersuchung hieß es: ca. 3-4 Finger passen schon durch. Da ich ja Antibiotika unter der Geburt benötigte, wurde mir eine Flexüle gelegt. Es musste zweimal gestochen werden, da die erste nicht richtig lag. Das Antibiotikum lief durch und ich bekam noch Kochsalz mit Buscopan zur Entkrampfung, damit sich der Muttermund etwas schneller öffnet.

Nach einer Weile kam dann Madeleine, unsere Beleghebamme, und gab mir erst einmal Caulophillum, damit die Geburt weiter voran geht. Als sie nach dem Untersuchen bemerkte, dass sich immer noch nichts getan hat, hieß es: Ein Wehentropf muss her! Ich hatte total Angst, da ich bei deiner Schwester Caitline damit solch schlechte Erfahrungen gemacht habe, aber es ging nicht ohne. Ich fing an noch mehr zu Zittern. Madeleine stellte den Tropf aber erst einmal ganz langsam ein. Die Wehen wurden auch immer stärker, aber nicht regelmäßiger und auch nicht so oft, wie es hätte sein müssen.

Es fiel mir immer schwerer die Wehen zu "verarbeiten" ich musste immer mehr Zittern, so sehr ich auch versuchte locker zu bleiben. Mein Kreislauf war nicht gerade mehr der beste, ich hatte zwischendurch das Gefühl drücken zu müssen. Die Ärztin Fr. Dr. L. kam jetzt nicht nur mal zwischendurch mal nach uns gucken, sondern blieb bei uns.  Als Vermutung, warum es nicht weiter ging, hätte es sein können, dass sich ein Bläschen, also eine kleine Haut unters Köpfchen gebildet hat, daher versuchte die Ärtin mit einer Nadel diese aufzustechen. Da war aber nichts. als du endlich da warst, entdeckte ich, dass du dadurch aber kleine Schnitte auf dem Kopf hattest.
 
Hebamme Madeleine untersuchte mich nochmal und meinte, dass sich nicht wirklich etwas verändert hat und die Muskulatur, der Muttermund, alles total verkrampft und verhärtet sei. Fr. Dr. untersuchte mich auch nochmal und stellte das Gleiche fest: So passt da niemals ein Kind durch!

Eine PDA musste her, damit sich alles entspannen kann. Ich fing an zu weinen, hatte Angst, war total verzweifelt. Ich wollte doch keine. Bei Deiner Schwester Vania war das doch schon so doof. Ich hatte auch Angst davor, wie Dein Papa reagiert, bei Vania hatte er mich nämlich angemeckert, als ich mich für eine PDA entschieden hatte, statt mir beizustehen. Aber er nahm meine Hand und tröstete mich. Die Wehen wurden plötzlich immer stärker und kamen öfter. Jetzt empfand ich die Massagen Deines Papas sogar als störend. Ich fragte mehrmals nach dem Anästesisten.
 
Dann war sie endlich da, die Anästhesistin und zwei Helferinnen. Dein Papa wurde rausgeschickt und da die Wehen jetzt immer stärker und öfter waren, wurde mir ein Mittel gegen die Wehen gespritzt und der Wehentropf erst einmal ausgemacht, dann mussste ich mich hinsetzen und die PDA wurde gelegt. Ich hatte solche Angst, aber Madeleine hielt mich fest. Ich war so froh, dass sie da war. So klappte das Legen wohl ganz gut und es musste nicht, wie bei Deiner Schwester Vania mehrmals gestochen werden. Durch das Kopf nach unten Legen wurde mir nur so schlecht.

Dann ging es aber langsam wieder. Als das "Probemittel" durch war wurde mir plötzlich total schwindelig und ich merkte, dass sich alle anderen auch große Sorgen machten. Von Infusion über kalte Lappen, Hand halten und lieb mit mir sprechen half alles, dass es mir dann etwas besser ging. Ich war nur so fix und fertig, dass ich wegdriftete und immer wieder einschlief. Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass, wenn ich mal die Augen aufmachte zum Gucken, Fr. Dr. L. immer neben meinem Bett stand und aufs CTG guckte. Die Anästesistin überprüfte mit Eisspray mehrmals die Wirkung der PDA. Mein Bauch wurde taub, komisches Gefühl. Unter der PDA wurde der Wehentropf nämlich wieder angestellt, damit ich zwar zu Kräften kommen kann, aber es sich dennoch endlich etwas tut. Fr.Dr. stand immer noch neben meinem Bett und ging immer nur kurz weg. Du warst zu aufgeregt. Dann legte ich meine Hand auf den Bauch und habe dich versucht zu beruhigen, durch streicheln, dir etwas erzählen und etwas vorsingen. Es wirkte und die Ärztin meinte: "Dass machen Sie gut. Gehorsames Kind."
 
Ich wusste: um 7 Uhr hat Fr. Dr. L. Dienstschluss, dass stimmte mich traurig, denn ich hätte sie so gerne bei der Geburt dabei gehabt. Um halb 7 wurde noch einmal untersucht, es hat sich zwar endlich was getan, aber nicht so viel, dass ichs noch in Fr. Dr.s Schicht geschafft hätte. Bevor sie ging, kam sie noch einmal zu mir, verabschiedetet sich ganz lieb von mir und sagte, dass sie sogar noch länger bei mir geblieben wäre, wenn es schon etwas weiter wäre, aber ihre Tochter hat doch ihren 3. Geburtstag. Ich war sehr traurig, aber auch froh, dass sie so lange bei uns war.

Ich fühlte mich schon wieder viel kräftiger, ausgeruhter. Langsam merkte ich einen stärker werdenden Druck nach unten und Madeleine meinte, dass wir bald nochmal nachschauen, ich auf die Toilette gehen sollte, da eine volle Blase auch hinderlich sein kann, beim Pressen und dann werden wir mal sehen. Sie hatte erst Angst, dass ich fallen könnte auf dem Weg zur Toilette, oder es nicht klappt, aber alles lief wie geschmiert.

Dann hielt ich mich am Tuch fest, denn der Druck war zwar da und wurde stetig stärker, aber es war noch nicht so weit zu pressen. Nach einigen Wehen untersuchte Madeleine nochmals und sagte: noch zwei, drei Wehen, dann kann's los gehen. Sie rief die Ärztin an und bereitete auf dem Fußboden alles vor: Decke, Schutz... dann holte sie einen Gebärhocker. Was ich vor Schmerzen gar nicht mitbekam ist, dass Madeleine die PDA längst ausgestellt hatte und deswegen die Schmerzen immer stärker wurden.

Dann meinte sie: "So, du bekommst jetzt dein Kind:" Mein Mann Norman sollte sich beeilen mit dem Ausrichten der Kamera, sonst ist es zu spät. Sie untersuchte noch einmal und meinte, noch eine Wehe abwarten und dann soll ich mitpressen. Inzwischen war Fr. Dr. Z. da. Dann presste ich mit und wie sich jede Mutter erinnern wird: Das sind ordentliche Schmerzen, wenn man so ein Kind da durchquetscht. Ich versuchte nicht zu schreien, sondern mehr Kraft zum Pressen zu investieren, aber ganz ohne Schreien ging es nicht.
Ich presste so sehr ich konnte, dann war zwar eine Wehenpause, aber Madeleine meinte, ich solle nach Gefühl pressen, dass tat ich dann auch.

"Gleich ist der Kopf da, dann nur noch hecheln!" sagte Madeleine noch, aber ich konnte nicht bremsen mit dem Pressen und quetschte Dich quer raus. Da warst Du also, am 6.7.2009 um 7.42 Uhr. Ich konnte Dich gar nicht gleich ansehen: mich behinderte noch der Schmerz und leichter Schwindel. Ich bekam Dich in den Arm, sah dabei kurz runter und sah, dass das Blut nur so lief, sah die Angst in Madeleines und Fr. Dr. Z.sAugen und merkte, dass Dein Papa leicht zitterte. Madeleine meinte, sie müsse die Nabelschnur selbst schnell durchschneiden, gab Dich deinem Papa und hob mich mit der Ärztin aufs Bett, dann ging alles ganz schnell. Eine Infusion wurde angehängt, Ich sollte leicht Pressen, damit die Plazenta rauskommt, Ein kalt-nasser Waschlappen kam wieder auf meine Stirn und ich wurde untersucht, wo das ganze Blut herkam. Ich war inzwischen schon leicht weggedriftet. Mir war so schwindelig.

Nach einer Weile wurde es dann aber wieder besser und ich bekam Dich endlich auf die Brust gelegt. Mein kleiner süßer Mann. Wie hübsch Du bist, mein kleines Wunder, mein Baby. Endlich hast Du dich etwas beruhigt.

Dann hieß es, ich müsse genäht werden. Ich wollte, dass Dich dann lieber wieder der Papa nimmt. Madeleine meinte, ich solle Dich bei dir ablenken, aber Nähen, das war noch so ein Trauma der vorangegangenen Entbindungen. Du gingst also wieder zu Papa und wurdest, während ich genäht wurde gewogen, gemessen, angezogen... wobei Du mächtig geschimpft hast.

Ich bekam Betäubungsspritzen und, da an einigen Stellen der Schmerz noch stärker war, wurde auch noch einmal nachbetäubt. Ich schaute so viel es ging zu dir. Du warst so süß. So klein. So Winzig und zart. Aber Du wogst schon 3450 Gramm, hattest 50 cm und einen Kopfumfang von 35 cm.

Die Ärztin meinte: Ich hoffe, ich habe alles richtig genäht, dass ist alles so zerfleddert, da sieht man nicht so recht, was wohin gehört. Inzwischen warst Du angezogen und ich konnte Dich wieder in meine Arme schließen. Du bist fast sofort bei mir eingeschlafen. Dein Papa und ich konnten unsere Blicke gar nicht von Dir lassen: Endlich warst Du da.
 
Finley Farin ist am 6.7.2009 in Neuruppin geboren, hat zwei Schwestern und ist laut Ärzten ein "happy weezer".
Bildnachweis: beide von privat
 
Geburtsgeschichte Finley
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