Durschschlafen & plötzlicher Kindstod

Sabine G. 16.11.2009

Frage:
Sehr geehrter Herr Dr. Voitl, meine Tochter ist jetzt 8 Wochen alt und schläft seit etwa 5 Tagen in der Nacht von etwa 23 Uhr bis 6 Uhr morgens durch, ohne dass sie in der Nacht "kommt". Sie wird um 23 Uhr das letzte Mal gestillt und weckt uns dann erst wieder morgens. Jetzt hat meine Schwägerin gemeint, dass ein zu frühes Durchschlafen vor dem 8. Monat das Risiko von plözlichem Kindstod deutlich erhöht. Ich bin jetzt total verunsichert: Soll ich meine Tochter schlafen lassen oder sie nachts wecken? Über eine Antwort würde ich mich sehr freuen  Mfg Sabine G.


Antwort:
Lassen Sie Ihr Baby schlafen, das Risiko ist durch Durchschlafen nicht erhöht!
 
Unter der Bezeichung SIDS fasst man alle plötzlichen und unerklärlichen Todesfälle gesunder Säuglinge ohne erkennbaren Auslöser meist während des Schlafes zusammen, bei denen sich auch nach genauer Untersuchung der Umstände keine Ursache finden lässt. Mittlerweile sind aber eine Reihe von Risikofaktoren bekannt, wie das Schlafen in Bauchlage, bei deren Vermeidung das Risiko deutlich verringert werden kann.
 
Etwa ein Promille aller Lebendgeborenen sind betroffen, Jungen etwas häufiger als Mädchen. SIDS stellt nach der Neugeborenenperiode die häufigste Todesursache im ersten Lebensjahr dar, wenngleich die absolute Häufigkeit bezogen auf alle Lebendgeborenen gering ist.

In den letzten Jahren ist allerdings ein deutlicher Rückgang durch wirksame Vorsorgemassnahme zu beobachten. Durch die konsequente Vermeidung bekannter Risikofaktoren müsste ein weiterer Rückgang möglich sein.
Besonders häufig betroffen sind Säuglinge zwischen dem 2. und 4. Lebensmonat und in den Wintermonaten;  rund 90 % der Fälle treten im ersten Lebenshalbjahr auf.

Risikogruppen
• Das Riskio ist um etwa das 2,5 fache in Familien erhöht, in denen bereits SIDS Fälle (etwa bei Geschwistern) aufgetreten sind.
• Kinder, bei denen im Schlaflabor Atemunregelmäßigkeiten festgestellt wurden.
• Kinder drogenabhängiger Mütter
• Kinder mit starkem Untergewicht bei der Geburt
• Der früher oft genannte Risikofaktor Frühgeburt taucht in neuen Studien nicht mehr als eigener Faktor auf
• Bei Frühgeborenen, die mit einem Geburtsgewicht unter 1.500 Gramm auf die Welt gekommen sind, besteht nur bei zusätzlichen Erkrankungen (z.B. Lungenkrankheiten) ein erhöhtes Risiko.
• Auch eine verlangsamte Erweckbarkeit aus dem Schlaf, auffallende Bewegungsarmut und hohes, schrilles Schreien sollen mit einem erhöhten Risiko verbunden sein.
 
Vorbeugung
Seitdem die Bauchlage beim Schlafenlegen des Säuglings als Risikofaktor erkannt und nicht mehr empfohlen wurde, konnte die Häufigkeit des plötzlichen Kindstods um über 50% gesenkt werden.
 
Verschiedene Risikofaktoren sind bekannt, die das Auftreten eines plötzlichen Kindstods begünstigen:
• Säuglinge sollten im 1.Lebensjahr in Rückenlage schlafen. Die Bauchlage und möglichst auch die Seitenlage sollte man vermeiden, da sie weniger stabil ist und sich einige Kinder möglicherweise in die Bauchlage rollen können. Gemäß einer Umfrage im Raum Bern werden noch immer etwa 60 % der Kinder auf die Seite gelegt.
• Der Kopf des Babys sollte nicht durch Bettzeug bedeckt werden können. Es wird empfohlen, den Säugling so zu legen, dass die Füße am Bettende anstehen um so ein Rutschen unter die Bettdecke zu vermeiden
• Babys sollten nicht auf weichen Unterlagen oder mit Kopfpolster schlafen.
• Säuglinge sollen im elterlichen Schlafzimmer, aber im eigenen Bett schlafen.
• Säuglinge und Kinder sollten sowohl vor als auch nach der Geburt in einer rauchfreien Umgebung aufwachsen. Rauchen in der Schwangerschaft beeinträchtigt die Entwicklung des Babys und stellt ein Risiko für den plötzlichen Säuglingstod dar.
• Raumtemperatur und Bettdecke sollten so gewählt werden, dass es für das Kind angenehm, d.h. weder zu warm noch zu kalt ist. Nach dem ersten Lebensmonat benötigt ein Baby in der Wohnung im Prinzip nicht mehr Bekleidung als ein Erwachsener. Zum Schlafen genügen eine Windel, ein Schlafanzug und eine dünne Decke. Die ideale Raumtemperatur liegt bei etwa 18 Grad. Wärmedecken sind für Babys nicht geeignet.
• Wenn möglich, sollte länger als 2 Monate gestillt werden.
• Impfungen haben keinen Zusammenhang mit der Häufigkeit des plötzlichen Kindstodes. Eine Studie aus Schweden berichtet nach einer Abnahme der Impfhäufigkeit gegen Keuchusten einen Anstieg der SIDS-Rate. Nach Vorziehen dieser Impfung vom dritten auf den zweiten Lebensmonat ging die SIDS-Rate wiederum zurück.
• Schnuller dürften einen positiven Effekt haben, also eine Gefährdung des Kindes vermindern.
• Eine Schlafüberwachung durch einen Heimmonitor ist nur bei ausgewählten Risikokindern sinnvoll.
• Eltern sollten in der Herzmassage und Mund- zu Mundbeatmung unterrichtet und geübt sein
• Eine routinemäßige Untersuchung im Schlaflabor wird nicht empfohlen sondern sollte sich auf Risikogruppen beschränken.
• Der plötzliche Kindstod ist nicht ansteckend.
 
Wann soll man den Kinderarzt kontaktieren?
• Wenn eine Mutterkindpassuntersuchung fällig ist
• Wenn das Baby Krankheitszeichen zeigt (z.B. bei Fieber, Durchfall, Atemnot, ...)
• Wenn das Baby um den Mund oder im gesamten Gesicht blau wird, im Schlaf ungewöhnlich stark schwitzt oder auffallend blaß ist.
• Wenn Sie bei Ihrem Baby im Schlaf Atempausen über 15 Sekunden beobachten sollten
• Wenn das Baby häufig erbricht oder Probleme beim Trinken hat
• Wenn Sie einen anderen Grund zur Beunruhigung haben
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